Libanon im Spannungsfeld

Schwere Vorwürfe gegen Kriegspolitik Tel Avivs

Zehntausende gedachten am vergangenen Sonntag in Beirut dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, der am 14. Februar 2005 durch eine massive Autobombe ermordet worden war. Anders als in den vorherigen Jahren stand bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung die Versöhnung und Einigkeit des Libanon im Vordergrund.

Ministerpräsident Saad Hariri, der Sohn des Ermordeten, betonte die Stärke eines geeinten Libanon und bezeichnete Israel als den derzeit ärgsten Feind des Landes. Mit Syrien wolle er »eine neue Phase von Beziehungen zwischen zwei souveränen Staaten beginnen«, sagte Hariri, der mit einem Besuch beim syrischen Präsidenten Bashar al-Assad in Damaskus im Dezember 2009 ein deutliches Zeichen setzte, daß er die Feindschaft mit dem Nachbarland zugunsten regionaler Kooperation überwinden will.

Parallel zu der Gedenkveranstaltung provozierten – wie fast jeden Tag – vier israelische Kampfjets, indem sie Ortschaften der westlichen Beeka-Ebene im Tiefflug überflogen und erst nach dem Einsatz der libanesischen Flugabwehr abdrehten.

Zwei Tage nach dem Gedenken an Rafik Hariri gedachte auch die Hisbollah ihrer Märtyrer, darunter Abbas Moussawi, dem früheren Vorsitzenden der Hisbollah, der 1992 bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde, sowie dem Militärchef Imad Mughniyeh, der am 12. Februar 2008 in Damaskus durch ein Attentat getötet worden war.

Hisbollahführer Hassan Nasrallah nahm per Videoübertragung vor allem Israel ins Visier. »Wenn die Israelis den Rafik-Hariri-Flughafen in Beirut bombardieren, werden wir den Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv bombardieren«, sagte Nasrallah. »Die einzige Sprache, die Israel versteht, ist die von Drohungen«, fügte er hinzu, betonte aber, es sei nicht der libanesische Widerstand, der die Konfrontation suche. Er mache lediglich deutlich, daß man nicht ausweiche. Israel führe einen psychologischen Krieg gegen Libanon, Syrien und den Iran und versuche gleichzeitig, Unfrieden unter den Palästinensern und unter den Libanesen zu stiften.

Der Vorwurf des Israelischen Außenministers Avigdor Lieberman, die Hisbollah habe Rafik Hariri ermordet, sei ein Beispiel dafür. Der Vorwurf war auch in Deutschland vom Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« verbreitet worden. Weder die USA noch internationale Resolutionen oder »die internationale Gemeinschaft« könnten den Libanon schützen, betonte Nasrallah. Die Geschichte habe bewiesen, »daß nur die Starken in der Lage sind, sich selbst zu schützen.«

Der UNO-Sonderbeauftragte für den Libanon, Michael Williams versuchte derweil, die Kriegsdrohungen Israels herunterzuspielen. Im Interview mit der libanesischen Tageszeitung »An Nahar« sagte er, »in naher Zukunft ist nicht mit einem Krieg Israels zu rechnen«. Er freue sich, daß alle Seiten sich der UNO-Resolution 1701 verpflichtet fühlten, »obwohl Israel fortgesetzt den libanesischen Luftraum verletzt«. Was Israel von der UNO hält, ist nicht nur beim Umgang mit dem Goldstone-Bericht zu sehen. Im Gazakrieg 2008/09 bombte die israelische Armee die Zentrale der Organisation in Gaza mit Phosphormunition in Schutt und Asche.

Karin Leukefeld

Freitag 19. Februar 2010