Erschütterte Vorherrschaft

Der Euro blieb seit der Finanzkrise von 2008 schwach – Eine Bilanz der Machtverschiebungen nach zehn Jahren

Mehr als zehn Jahre liegt der Beginn der globalen Finanzkrise zurück. Sie gipfelte im Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers in den USA am 15. September 2008. Mit dem Platzen der Immobilienblase in den USA hatte sie im Sommer 2007 begonnen, mit Mühe und Not gelang es, sie halbwegs einzuhegen. Wie üblich wurden die Schäden der Allgemeinheit aufgedrückt, die Profite blieben privat. Die Folgen sind bis heute zu spüren. Zu den vielfältigen Konsequenzen zählen unter anderem auch solche, die das internationale Staatensystem betreffen und umfassende Auswirkungen auf die Weltpolitik haben. Sie beeinflussen die globalen Machtkämpfe bis heute.
Euro-Krise ungelöst
Um bei der Hauptmacht der EU anzufangen: Das Krisenjahr 2008 war das letzte, in dem Deutschland sich mit dem Titel »Exportweltmei­ster« schmücken konnte. Daß China die Bundesrepublik als Staat mit den meisten Warenausfuhren ablösen würde, war schon zuvor abzusehen. Die Krise führte dazu, daß die deutschen Exporte von 2008 auf 2009 um 18 Prozent einbrachen – und hievte, obwohl auch die chinesischen Ausfuhren schrumpften, die Volksrepublik auf Platz eins. Dort ist sie seitdem geblieben. Auch bei der Wirtschaftsleistung hat die Krise klare Verhältnisse geschaffen. Lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Bundesrepublik noch 2006 über demjenigen Chinas, so verlor Deutschland mit dem Einbruch 2009 endgültig den Anschluß an die Volksrepublik. Wer die stärkere Wirtschaft und die größere Exportkraft hat, das hat die Krise nicht überraschend, aber abrupt geklärt: Die Bundesrepublik Deutschland fiel zurück.
Darüber hinaus hat die Krise zahlreiche Illusionen zerschlagen, die den Euro betrafen. »Die USA werden ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems verlieren«, verkündete der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück noch im September 2008. Es kam anders. Zwar ging die Bedeutung des US-Dollars ein wenig zurück: Ende 2007 wurden 64,8 Prozent der Währungsreserven weltweit in US-Dollar gehalten, im Herbst 2018 waren es 62,7 Prozent. Aber der Anteil des Euro schrumpfte noch stärker: von 25,6 auf 20,1 Prozent.
Für den Einflußverlust gab es eine klare Ursache: Die Finanzkrise stürzte die EU direkt in die Krise des Euro. Die Wirtschaft taumelte von 2007 bis 2009, die Arbeitslosigkeit stieg, die Bankenrettungen waren überaus teuer – all das trieb die Staatsschulden in der EU in die Höhe. Waren sie vor der Krise in der gesamten EU von 69,9 Prozent des BIP im Jahr 1996 auf 57,6 Prozent des BIP im Jahr 2007 gesunken, so stiegen sie nun rasch an: auf 73,5 Prozent im Jahr 2009 und 79,0 Prozent 2010. Das war der Zeitpunkt, zu dem Griechenland abstürzte und herausgepaukt werden mußte, um weitere, vor allem südliche Euro-Länder vor dem Kollaps zu bewahren.

Die Euro-Krise ist bis heute nicht wirklich gelöst, was sich unter anderem daran zeigt, daß die Schuldenquote, deren Senkung das offizielle Ziel der von Berlin oktroyierten Haushaltskürzungen war, bei 81,6 des BIP verharrt, während die Wirtschaft gewichtiger Euro-Länder wie Frankreich nicht auf die Beine kommt und – siehe Italien – neue Eskalationen drohen. Der Rückgang des Euro-Anteils an den weltweiten Währungsreserven kann da kaum verwundern.

Chinas Hilfe

Hat die große Krise des Jahres 2008 zur Schwächung des Euro geführt, so ist Deutschland auf nationaler Ebene recht gut aus ihr herausgekommen. Die Wirtschaftsleistung brach im Jahr 2009 zwar ein, lag aber schon 2010 wieder über dem Wert von 2008. Deutschland war – neben Luxemburg – das einzige Land der EU, in dem die Arbeitslosigkeit – nach offiziellen Angaben – von 2008 bis 2010 sank; lag sie im Jahr 2008 genau wie diejenige Griechenlands bei 7,8 Prozent, so verzeichneten die deutschen Behörden für das Jahr 2010 eine Quote von 7,7 Prozent, während die griechische auf 12,7 Prozent gestiegen war und vor der Explosion stand.

Ursache waren zum einen die Konjunkturhilfen der Regierung, die insbesondere die Autoindustrie retteten, zum anderen aber der rasante Anstieg der Ausfuhren nach China: Die Verkäufe dorthin stiegen von 29,9 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf 53,6 Milliarden Euro im Jahr 2010, also um fast 80 Prozent binnen drei Jahren. Das war zudem kein Strohfeuer, sondern eine langfristige Entwicklung, der die Krise einen starken Schub gab. Sie hat dazu beigetragen, daß Deutschland seine Position innerhalb der EU stärken und seine Dominanz ausbauen konnte.

Der Anstieg der Ausfuhr nach China kam nicht von ungefähr. Mit einem gewaltigen Konjunkturprogramm in Höhe von rund 460 Milliarden Euro, mehr als zehn Prozent ihres BIP im Jahr 2008, hatte die Volksrepublik ihre Wirtschaft angekurbelt; von ihm profitierten aber nicht nur westliche Exporteure, sondern es half auch in Asien vielen über die Krise. So mancher asiatische Unternehmer, der 2008 und 2009 Käufer im Westen verlor, wandte sich China zu. Diese Tendenz sei schon vor der Krise erkennbar gewesen, erläuterte ein südostasiatischer Anlageverwalter unlängst gegenüber der BBC; die globale Finanzkrise habe diesen Prozeß lediglich beschleunigt.

Jörg Kronauer

(Fortsetzung und Schluss in der Freitagausgabe)

Mittwoch 17. April 2019