Erschütterte Vorherrschaft (2)

Der Euro blieb seit der Finanzkrise von 2008 schwach – Eine Bilanz der Machtverschiebungen nach zehn Jahren

Die Krise hat nicht nur Chinas Stellung in der Weltwirtschaft verändert, sondern auch den Aufstieg der Schwellenländer beschleunigt. Auch dieser war längst im Gang, wie ein Blick in die Statistiken des Internationalen Währungsfonds (IWF) belegt. Demnach war der Anteil der Industriestaaten am Welt-BIP nach Kaufkraftparität – berechnet nach realer Kaufkraft unabhängig von Wechselkursen – von 63,5 Prozent im Jahr 1990 kontinuierlich zurückgegangen und hatte sich 2007 mit dem BIP-Anteil der Schwellen- und Entwicklungsländer, der 1990 noch bei nur 36,6 Prozent gelegen hatte, bei 50 Prozent getroffen. Seitdem fällt er – beschleunigt in den Krisenjahren – immer weiter zurück.

2018 stellten die Industrieländer nur noch 40,2 Prozent des globalen BIP – die USA 15,2 Prozent nach 21,8 Prozent 1990, Deutschland 3,2 nach sechs Prozent 1990 –, während die Schwellen- und Entwicklungsländer bereits auf 59,2 Prozent kamen. Größte Volkswirtschaft nach Kaufkraftparität ist inzwischen China mit einem Anteil von 19,2 Prozent an der globalen Wirtschaftsleistung. Die Krise hat den Schwellenländern einen ersten Durchbruch auf politischer Ebene verschafft. Das zeigen auch zwei weltpolitische Formate, die schon vor der großen Krise gegründet wurden, ihre heutige Bedeutung aber erst in deren Verlauf erlangten.

Abstieg EU-Europas

Die Gruppe der G20, der 19 Industrie- und Schwellenländer sowie die EU angehören, kam auf Anregung der G7 zum ersten Mal 1999 auf Ebene der Finanzminister zusammen, um Antworten auf die Finanzkrisen Ende der 1990er Jahre zu suchen. Mitte November 2008 trafen sie sich zu ihrem ersten Gipfel in Washington. Seien bis dahin die G7 bzw. G8 »ein zentraler globaler Agenda-Setter« gewesen – sozusagen eine Art »Lenkungsausschuß« der Weltpolitik –, so seien sie wegen der Heftigkeit der Krise und wegen des neuen Einflusses der Schwellenländer nun nicht mehr umhingekommen, die G20 in die »Diskussion und Koordinierung einer globalen Antwort auf die Finanzkrise« einzubinden, konstatierte 2015 rückblickend die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Zwar sind die G 7, wie der britische Finanzminister George Osborne 2013 beschrieb, darum bemüht, daß sich »ihre politischen Ziele auf der G-20-Agenda wiederfinden«, daß sie also sozusagen vom Rücksitz aus lenken. Ihre alleinige globale Steuerungsfähigkeit aber hat die Krise des Jahres 2008 zunichte gemacht.

Ein zweites Format, das durch die Krise Auftrieb erhalten hat, ist – auch wenn seine Zukunft nach dem Machtwechsel in Brasilien ungewiß scheint – der Zusammenschluß der BRICS. Brasilien, Rußland, Indien und China hatten erstmals im September 2006 auf Ebene der Außenminister getagt. Im Juni 2009 trafen sie sich zu ihrem ersten Gipfeltreffen. Man trete dezidiert für »ein diversifizierteres internationales Währungssystem« ein, hieß es damals in der Abschlußerklärung. Das bedeutete offene Opposition gegen die Dominanz des US-Dollars. Die BRICS, denen seit Ende 2010 auch Südafrika angehört, gründeten nach vergeblichen Versuchen, ihr Stimmgewicht in IWF und Weltbank zu erhöhen, im Juli 2014 die New Development Bank – eine Art Alternative zur Weltbank. Vor der Krise wäre das bei der damals noch nicht erschütterten Vorherrschaft des Westens im Weltfinanzsystem kaum vorstellbar gewesen.

Der Euro geschwächt, China und die Schwellenländer teils rasant im Aufstieg, Asien mit größerem Selbstbewußtsein gegenüber dem Westen: Das sind Verschiebungen, die die große Krise von 2008 zwar nicht verursacht, aber doch zumindest beschleunigt haben. Hinzu kommt eine einschneidende Entwicklung, auf die zuletzt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hingewiesen hat: eine gewisse Entfremdung zwischen den Finanzbranchen von EU und USA. Die 1990er sowie die frühen 2000er Jahre, daran erinnerte Tooze unlängst in der USA-Zeitschrift »Foreign Affairs«, waren durch überaus enge Bindungen zwischen beiden geprägt; das war auch die Ursache, weshalb die Finanzkrise so heftig von den USA auf die EU übergriff.

Was im Verlauf der Krise geschah, beschrieben Experten bereits im Jahr 2012: Hielten Banken der Euro-Zone im September 2007 noch gut die Hälfte aller USA-Aktiva, die sich in auswärtigen Händen befanden, so fiel ihr Anteil bis zum Sommer 2012 auf 30 Prozent. Vor allem kanadische und japanische Banken hielten zusammengenommen größere Anteile in den USA als die Euro-Banken.

In diesen Kontext gehört, urteilt Tooze, daß die Deutsche Bank im Frühjahr 2018 entschied, ihre Präsenz an der Wall Street zu reduzieren. Es sei »ein verspätetes Beispiel des breiteren europäischen Rückzugs«, der mit der Krise begonnen habe, erläutert Tooze.

Gleichzeitig mit ihm hätten Schwellenländer die Bühne betreten, die dank der Niedrigzinsen in den USA inzwischen tief mit dem USA-Finanzsystem verflochten seien. Der Aufstieg dieser Staaten spiegelt sich darin ebenso wider wie der relative Abstieg Europas. Auch die zunehmenden Spannungen im alten transatlantischen Bündnis finden ihre Entsprechung im Teilrückzug der Banken des Euro-Raums aus dem USA-Finanzsystem. Widerspruchsfrei ist diese Entwicklung freilich nicht: Die transatlantische Verflechtung der deutschen Indu­strie ist nach wie vor außergewöhnlich groß.

Jörg Kronauer

(Teil 1 wurde in der Donnerstagausgabe veröffentlicht)

Donnerstag 18. April 2019