»One man cars« auf dem Abstellgleis

Belgische Eisenbahngesellschaft will Schaffner vorerst doch nicht abschaffen. Sparpläne laut Studie weder technisch noch finanziell umsetzbar

Zumindest vorerst wird die belgische Eisenbahngesellschaft SNCB nicht auf Schaffner in ihren Zügen verzichten. Die Sparpläne zulasten des Personals seien auf unbestimmte Zeit verschoben worden, schrieb die Zeitung »De Morgen« am Donnerstag. Die sogenannten »one man cars« – mit zusätzlichen Spiegeln und/oder Kameras ausgerüstete Personenzüge, die es den Sparplänen der SNCB-Direktion zufolge dem Lokführer erlauben sollen, die Aufsicht über den gesamten Zug vom dann eingesparten Schaffner zu übernehmen – seien laut einer Studie weder technisch noch finanziell umsetzbar, erklärte SNCB-Sprecher Dimitri Temmerman gegenüber der in Brüssel erscheinenden niederländischsprachigen belgischen Tageszeitung.

Eine alternative Lösung bestände darin, die Bahnsteige mit Kameras und/oder Spiegeln auszurüsten. »Doch laut der Studie ist das unsicher, besonders bei langen Zügen oder Bahnsteigen, die in einer Kurve liegen« , gab Temmerman zu bedenken. Gegenüber dem Flämischen Rundfunk (VRT) erklärte der Bahnsprecher, die Aufgaben eines Schaffners seien vielfältig. Neben der Fahrscheinkontrolle sei es auch die Arbeit des Zugbegleiters, dafür zu sorgen, daß die Züge sicher abfahren, und die Reisenden zu informieren. Dazu habe man nach wie vor »keine gleichwertige Alternative« gefunden. Es sei »noch viel zu früh für dieses Projekt« , die »One man cars« würden deshalb vorerst nicht eingeführt.
Seit drei Jahren läßt die SNCB prüfen, ob es möglich ist, ihre Züge ab dem Jahr 2020 ohne Zugbegleiter und nur noch mit einem Lokführer fahren zu lassen. Die sogenannten »One man cars« waren das Steckenpferd ihres ehemaligen geschäftsführenden Direktors Jo Cornu, der mittlerweile durch Sophie Dutordoir ersetzt wurde. Im Oktober 2018 hatte »De Morgen« unter Berufung auf den neuen, bis heute nicht vom belgischen Ministerrat gutgeheißenen Geschäftsführungsvertrag der SNCB berichtet, zur Effizienzsteigerung sei geplant, rund um die größeren belgischen Städte die Zugfahrkarten nicht mehr von einem Schaffner kontrollieren zu lassen. So könne außerdem an den Schaltern Personal abgebaut werden, hieß es noch im Herbst.
Die einflußreichen belgischen Eisenbahnergewerkschaften waren von Cornus Plänen entsetzt und befürchteten, fast 500 Zugbegleiterarbeitsplätze könnten bei der SNCB abgebaut werden. Mit Genugtuung nahmen die Salariatsvertreter zur Kenntnis, daß die neue Geschäftsführerin Dutordoir ebenfalls Bedenken gegen die Sparpläne ihres Vorgängers hegt.

Der ehemalige SNCB-Chef Cornu hatte zur Begründung seiner Sparpläne stets auf bereits schaffnerlose Züge in Frankreich, Deutschland und der Schweiz verwiesen. Dazu erklärte nun Bahnsprecher Temmerman, im Gegensatz zu diesen Ländern seien die Bahninfrastruktur in Belgien und das Rollmaterial nicht standardisiert. Mehr oder weniger jeder Bahnsteig sehe anders aus und habe oft eine andere Länge. Dadurch würden sich die hinteren Türen langer Züge oft außerhalb des Bahnsteigs befinden, so daß ein Schaffner unabdingbar sei, um zu verhindern, daß Reisende diese Türen benutzten und womöglich ins Gleisbett stürzten.

Auch hätten andere Eisenbahngesellschaften Rollmaterial angeschafft, das von Anfang an mit Notbremssystemen, automatischen Türblockierungen und Kameras ausgestattet sei. Solche Loks und Waggons seien dann für sogenannte »driver only operations« geeignet, sagte der Bahnsprecher der Zeitung.

Der belgische Fahrgastverband TreinTramBus lobte die Entscheidung der SNCB. Statt »einen Fetisch« aus Zügen ohne Begleiter zu machen, solle man sich besser darauf konzentrieren, pünktlicher zu werden, sagte dessen Präsident Stefan Stynen gegenüber »De Morgen« . Das Zugpersonal schneide in Zufriedenheitsumfragen über die SNCB stets am besten ab, erinnerte Stynen. Das zeige, »daß Bahnreisende Schaffner in Zügen erwarten« .

oe

Ein belgischer Schaffner vor einem Zug der SNCB
(Foto : Belga/dpa)

jeudi 18 avril 2019