Pete Seeger – zum 100. Geburtstag

If I had a hammer

Nur wenige Menschen sind in der politischen Songbewegung so bekannt wie Pete Seeger. Gemeinsam mit seinen Zeitgenossen Paul Robeson, Woody Guthrie und anderen verkörpert Seeger die Macht des Liedes, das die gemeinsame Sache betont, Mut macht und Widerstand anregt. Das Lied war ihre Waffe im Kampf für eine gerechte und friedliche Gesellschaft.

Pete, geboren am 3. Mai 1919 in Patterson im USA-Bundesstaat New York, wuchs in einer musikalischen Familie auf – sein Vater Charles war Musikwissenschaftler und Dozent, der seine Stellung verlor, als er sich gegen die Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg wandte. Auch seine Mutter Constance, eine Geigerin, hatte sozialistische und pazifistische politische Ansichten. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Pete noch ein kleines Kind war. Charles heiratete wieder und schloß sich einem Komponistenkollektiv an, das Lieder für Streikende und Arbeitslose sang. Die Familie bereiste das Land, spielte Musik und nahm an vielen Volksfesten teil. In diesem Zusammenhang hörte Pete Banjomusik und von da an ließ ihn das Banjo nie wieder los.

Pete Seeger trat 1936 im Alter von 17 Jahren dem Kommunistischen Jugendverband bei, der Young Communist League, und wurde 1942 Mitglied der Communist Party of the USA, die er aber 1949 wieder verließ. 1938 schrieb sich Seeger für einen Soziologiekurs in Harvard ein, in der Hoffnung, Journalist zu werden, beendete das Studium jedoch nicht. Er zog nach New York, wo er Woody Guthrie, Alan Lomax, Leadbelly und andere traf und sich intensiv mit traditioneller US-amerikanischer Musik beschäftigte. Im Dezember 1940 gründeten sie gemeinsam die »Almanac Singers«. Mit Gewerkschaftsliedern und Songs gegen Rassismus und Krieg betrat Seeger mit der Band die aktive politische Volksliedszene. Die Band trat vor Streikenden auf mit Songs wie »Talking Union« und sang über die Kämpfe für die Organisierung von Industriearbeitern in ihren Gewerkschaften.

Die USA waren nach dem Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 in den Krieg getreten. Die »Almanac Singers« konzentrierten sich nun auf antifaschistische Lieder. Im Juni 1942 trat Seeger in die USA-Armee ein, um den Faschismus zu bekämpfen.
Er arbeitete zunächst an Flugzeugtriebwerken in Mississippi und wurde später nach Saipan im westlichen Pazifik versetzt, um Truppen musikalisch zu unterhalten. Der militärische Geheimdienst hielt ihn aufgrund seiner »kommunistischen Sympathien und seiner zahlreichen kommunistischen und anderweitig unerwünschten Freunden« für ungeeignet »für eine Position des Vertrauens oder der Verantwortung« und beschrieb die »Almanac Singers« als Verbreiter »kommunistischer und antifaschistischer Propaganda durch Lieder und Aufnahmen«.

Seeger war ein glühender Verfechter des Republikanischen Spanien gegen Franco und nahm 1943 mit gleichgesinnten Musikern mehrere spanische Lieder des Spanischen Krieges auf. Das Album trug den Titel »Songs of the Lincoln Battalion«.
Nach dem Krieg gründete Seeger »People’s Songs Incorporated« (PSI): »Ich hoffe, daß es Hunderte, Tausende, Zehntausende von Gewerkschaftschören geben wird. So wie jede Kirche einen Chor hat, warum nicht jede Organisation?« Bald schon hatte die PSI zweitausend Mitglieder und wuchs schnell weiter, und das FBI legte eine Akte über die Organisation an.

Im November 1948 gründete Pete Seeger mit anderen die Folk-Gruppe »The Weavers«. Die Gruppe verdankte ihren Namen dem Drama Gerhart Hauptmanns über den schlesischen Weberaufstand, das die Zeilen enthält: »Und das muß anderscher wern, … Mir leiden’s ni mehr, mag kommen, was will.« Die Gruppe nahm die Platte »Goodnight Irene« auf, einen Song von Seegers Freund Leadbelly.
Zensurbestimmungen diktierten, daß der Refrain von »I’ll get you in my dreams« auf »I’ll see you in my dreams« geändert werden mußte. Diese Aufnahme lag 1950 an der Spitze der Charts. Die Band popularisierte auch Woody Guthries »This Land Is Your Land« und andere linke Songs wie »If I had a Hammer«.

Pete Seegers Unterstützung für Bürger- und Arbeiterrechte, Rassengleichheit, Völkerverständigung und Frieden hatte ihn in den Augen des Staates seit etwa 1940 suspekt gemacht. Während der McCarthy-Hexenjagd wurden Seeger und sein »Almanac Singers«-Kollege Lee Hays 1955 als Mitglieder der Kommunistischen Partei identifiziert und vor den Ausschuß für unamerikanische Aktivitäten geladen, um auszusagen. Pete Seeger weigerte sich unter Berufung auf den ersten Zusatzartikel der USA-Verfassung (Redefreiheit, Religionsfreiheit), auf die Anklage zu erwidern. Er war der erste, der nach der Verurteilung der »Hollywood Ten« 1950 so handelte. Der Ausschuß befand Seeger der Mißachtung des Gerichts für schuldig, mußte diese Verurteilung jedoch 1961 aus technischen Gründen aufheben.

Der Antikommunismus grassierte jedoch bereits seit Beginn der McCarthy-Ära; die Band litt unter einem totalen Boykott durch das Establishment. Rechte Gruppen sabotierten ihre Konzerte und dies alles führte schließlich 1952 zur Auflösung der »Weavers«. 17 Jahre lang boykottierten die USA-Medien Pete Seeger. Er trat an Gymnasien und auf Hochschulgeländen sowie für kleinere Gewerkschaften auf. Das bedeutete ein kleineres Publikum, aber Pete Seeger erreichte dennoch viele Menschen, von denen einige später in der Gewerkschaftsbewegung Arbeit fanden, an Festivals, in Hollywood, im Radio oder am Broadway arbeiteten. Berühmte Bands popularisierten Seeger-Songs aus dieser Zeit, darunter »Where Have All the Flowers Gone«, ein Text, der ihm einfiel, als er Michail Scholochows »Der Stille Don« las.
1957 lernte Pete an der Highlander Folk School in Tennessee ein anderes Opfer der FBI-Überwachung und Einschüchterung kennen, Martin Luther King. Hier nahm die Hymne der Bürgerrechtsbewegung »We Shall Overcome« ihren Anfang. Pete Seeger änderte die Hymne »I Will Overcome« nur geringfügig. 1963 sang er »We shall Overcome« auf dem 50-Meilen-Weg von Selma nach Montgomery, zusammen mit tausend Demonstranten.

Pete Seeger, Mitbegründer des Musikmagazins »Sing Out!«, war eine führende Persönlichkeit in der Hootenanny-Bewegung der 1960er Jahre. Die Volksliedbewegung der Städte, die Seeger nach Guthrie »Woody’s Children« nannte, adaptierte traditionelle Lieder für politische Zwecke, was erstmals von der Gewerkschaft Industrial Workers of the World (Wobblies) in ihrem »Little Red Song Book« eingeführt worden war. Dieses Rote Liederbuch hatte der legendäre Gewerkschaftsorganisator Joe Hill zusammengestellt, es war ein Lieblingsbuch von Guthrie.

Wie King war Pete Seeger ein ausgesprochener Kritiker des USA-Krieges in Vietnam und schrieb sehr populäre Anti-Kriegslieder wie »Waist Deep in the Big Muddy« und »If You Love Your Uncle Sam (Bring ‘Em Home)«. Am 15. November 1969 fand der Vietnam-Moratorium-Marsch nach Washington statt. Seeger führte eine halbe Million Demonstranten an, die John Lennons Friedenslied »Give Peace a Chance« sangen und Präsident Nixon im Weißen Haus aufforderten, ihre Forderungen zu hören: »Are you li­stening?«. 1972 besuchte Seeger mit seiner Familie Nordvietnam.

Auch in der DDR war Pete Seeger sehr bekannt. Bei einem Konzert in der Volksbühne am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz sagte er seinem Publikum im Januar 1967: »Ich habe die Moorsoldaten noch nie so gut von einem Publikum gesungen gehört wie hier.« Beim 16. Festival des Politischen Liedes im Februar 1986 war Pete Seeger ebenfalls dabei und wurde mit Stehapplaus gefeiert – in wahrhafter Anerkennung und Anteilnahme für den Vertreter des »anderen Amerika«.

Pete Seeger und seine Frau Toshi Ohta lebten in einem Blockhaus mit Blick auf den Hudson River. Beunruhigt von der Verschmutzung des Flusses, gründeten sie gemeinsam mit anderen die Umweltinitiative »Hudson River Sloop Clearwater« und riefen das »Great Hudson River Revival Festival« ins Leben. So trugen sie entscheidend dazu bei, öffentliche Unterstützung für die Reinigung des Hudson River zu gewinnen. Das »Clearwater Festival« zieht nun jeden Sommer über 15.000 Menschen an, die den Fluß und die umliegenden Feuchtgebiete schützen wollen.
Umweltinitiative Seeger blieb bis in die 90er Jahre hinein politisch aktiv. 2012 trat er mit Harry Belafonte, Jackson Browne und anderen auf, um sich aktiv für die Freilassung von Leonard Peltier vom »American Indian Movement« einzusetzen, der seit über 40 Jahren im Gefängnis sitzt.

Pete Seeger starb am 27. Januar 2014 im Alter von 94 Jahren. Er spielte eine hervorragende Rolle in allen wichtigen Kämpfen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts – für Frieden, für die Umwelt, für Bürger- und Arbeiterrechte. Die Erinnerung an ihn ist unauslöschlich in all denen, die zu den gleichen Bewegungen gehören, wenn sie »We shall Overcome« singen.

Jenny Farrell

Pete Seeger

Donnerstag 2. Mai 2019