Von »Flugscham« keine Spur

Verkehrsaufteilung in der EU: Flugzeug laut Eurostat großer Gewinner beim Modal Split

Während in einer von der Umweltschutzorganisation WWF im März veröffentlichten Umfrage fast 20 Prozent der befragten Schweden angegeben haben, schon einmal der Umwelt zuliebe den Zug statt das Flugzeug genommen zu haben, hat das Statistikamt Eurostat im Rest EU-Europas ein Umsteigen vom klima- und umweltfreundlicheren Schienen- auf den besonders klima- und umweltschädlichen Flugverkehr verzeichnet. Von 2012 bis 2017 sind die Flugreisen laut am Montag veröffentlichten Zahlen überdurchschnittlich stark gestiegen. Bereits jede sechste Reise sei im vorletzten Jahr mit dem Flugzeug erfolgt.

Fast 1,3 Milliarden Reisen mit mindestens einer Übernachtung wurden demnach im Jahr 2017 angetreten. Bei jeder sechsten sei das Flugzeug das Hauptverkehrsmittel gewesen, so Eurostat. Der Großteil der rund 218 Millionen Reisen im In- und ins Ausland seien private Reisen mit 82 Prozent gewesen, die übrigen seien aus beruflichen Gründen angetreten worden. Ohne Berücksichtigung des Verkehrsmittels beträgt der Anteil von Geschäftsreisen nur zwölf Prozent. Die Zahl der mit dem Flugzeug angetreten Reisen insgesamt ist der Statistikbehörde zufolge von 2012 bis 2017 beträchtlich gestiegen: die Zunahme betrug 15 Prozent, während die Anzahl von Reisen allgemein lediglich um zwei Prozent wuchs.

Ein Grund dafür dürfte die Zunahme von kurzen Privatreisen sein: insgesamt stieg die Zahl der privaten Trips mit dem Flugzeug um 23 Prozent, betrachtet man jene mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als vier Nächten, beträgt deren Anstieg sogar 42 Prozent. Im Gegensatz dazu sank die Zahl von Geschäftsreisen mit dem Flugzeug um neun Prozent. Ein besonders deutlicher Rückgang um 34 Prozent wurde bei jenen mit mindestens vier Übernachtungen im jeweiligen Inland verzeichnet.

Eurostat hatte bereits Ende letzten Jahres einen neuen Rekord an Flugpassagieren auf dem Findel gemeldet. Unter dem grünen Transportminister François Bausch hat sich die Zahl der Flugpassagiere im Jahr 2017 demnach um 19,1 Prozent auf mehr als 3,5 Millionen erhöht. 2017 wurde laut Eurostat noch ein Negativrekord gebrochen, als in der EU erstmals mehr als eine Milliarde Flugpassagiere gezählt wurden. Mittlerweile trägt die EU so zu mehr als einem Viertel zum globalen Flugpassagieraufkommen bei.

Die schwedische Eisenbahngesellschaft verzeichnete hingegen im vergangenen Winter einen Anstieg der Geschäftsreisen um 21 Prozent, während die Zahl der Inlandsflüge im vergangenen Jahr laut der Verkehrsbehörde um 3,2 Prozent zurückging. Greta Thunberg, die Erfinderin der freitäglichen Schulstreiks fürs Klima, die mit dem Zug zum Weltwirtschaftsforum in Davos und zum UNO-Klimagipfel ins polnische Katowice fuhr, und der ehemalige Biathlet und Olympiasieger Björn Ferry, der nur noch per Zug als Kommentator zu Sportveranstaltungen reist, haben es vorgemacht. Inzwischen gibt es dafür sogar ein Wort im Schwedischen: »Flygskam« (»Flugscham«).

Freilich könnte auch die neue Flugsteuer, die im vergangenen Jahr in Schweden eingeführt wurde, ein Grund dafür sein. Oder die Pleite der schwedischen Regionalfluggesellschaft Nextjet im Mai 2018, deretwegen viele Routen monatelang nicht mehr angeboten wurden. Zur Unterstützung des erfreulichen Trends hat die Regierung in Stockholm angekündigt, bis Ende 2022 werde die Schwedische Bahn wieder Nachtzüge in die wichtigsten europäischen Städte einsetzen. Zuvor hatte das Meteorologische Institut des Landes Anfang April erklärt, Schweden bekomme die Folgen des Klimawandels besonders drastisch zu spüren: Die Temperatur steige dort doppelt so schnell an wie im weltweiten Durchschnitt.

oe

Auf dem Findel gab es 2017 mehr als 3,5 Millionen Passagiere
(Foto: ZLV)

Oliver Wagner : Dienstag 7. Mai 2019