Hunger auf der Insel

Britannien: Zahl der Suppenküchen und »Food Banks« wächst. Tories ignorieren das Problem

Im Jahr 2004 betrieb die britische Wohltätigkeitsorganisation »Trussell Trust« zwei Suppenküchen für Bedürftige. Heute sind es 1.200 »Food Banks« in ganz Britannien. Deren Dienste werden dringender benötigt denn je. Das zeigt die frisch veröffentlichte Jahresbilanz der Organisation für die zwölf Monate zwischen April 2018 und März 2019.

Britannien ist eines der reichsten Länder der Erde, und dennoch ist Hunger auf der Insel zu einem Alltagsphänomen geworden. 1,6 Millionen Notfallpakete hat der Trussell Trust im vergangenen Jahr verteilt, mehr als 500.000 davon an Kinder. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 19 Prozent. Noch nie zuvor hat der Trust so viele Nahrungspakete verteilt.

Um in Britannien Zugang zu einer »Food Bank« zu bekommen, muß man die Befugnis einer Behörde oder Sozialeinrichtung vorweisen. Es reicht nicht, sich einfach anzustellen. Der Trussell Trust überreicht jeder berechtigten Person ein Paket mit Grundnahrungsmitteln für drei Tage. Dreimal im Jahr kann ein solches Paket des Trusts beansprucht werden.

Der Hauptgrund für den drastischen Anstieg des Versorgungsbedarfs im vergangenen Jahr ist laut der Organisation die Einführung des »Universal-Credit«-Systems. Dabei handelt es sich um eine von der konservativen Regierung durchgeführte »Reform«, die Sozialleistungen in Britannien in einer einzigen monatlichen Zahlung zusammenfaßt. Bis heute gibt es mit der Umstellung große administrative Probleme.
Berechtigte müssen fünf Wochen warten, bis die erste monatliche Sozialhilfe ausgezahlt wird. In diesen fünf Wochen müssen Rechnungen wie Miete oder Strom aber trotzdem weiter beglichen werden. Es ist somit kein Wunder, daß laut der Hilfsorganisation »Pay Plan Helpline« acht Millionen Menschen in Britannien in der Schuldenfalle stecken.

Emma Revie, Vorsitzende des Trussell Trusts, fordert deshalb ein Ende der Fünfwochenfrist und eine strukturelle Reform des britischen Sozialsystems. Food Banks dürften nicht den Sozialstaat ersetzen, sagte sie in einer Mitteilung am 25. April. »Wir rufen die Regierung auf, dafür zu sorgen, daß Sozialleistungen die wirklichen Lebenshaltungskosten widerspiegeln. Außerdem sollen Unternehmer endlich aufhören, Niedrig­löhne zu zahlen.«

Die Statistiken des Trussell Trusts zeigen allerdings nicht das wirkliche Ausmaß der britischen Sozialkrise. Denn der Trust ist zwar die größte Hilfsorganisation seiner Art, daneben existieren jedoch Hunderte unabhängige Food Banks, die großteils von lokalen Trägern betrieben werden. Deren genaue Zahl ist unbekannt, ebenso der Umfang ihrer Leistungen.

Wie dramatisch die Lage ist, läßt sich anhand von Daten abschätzen, die Ende März vom »Independent Food Aid Network« (IFAN) veröffentlicht wurden. Dieses Netzwerk hat für den Zeitraum zwischen April 2017 und September 2018 ermittelt, wie viele Nahrungspakete in Schottland durch unabhängige Betreiber verteilt wurden. Insgesamt gaben 84 unabhängige Food Banks rund 222.000 Lebensmittelrationen aus. Hinzu kommt die Arbeit des Trussell Trusts, zusammen kommt man auf minde­stens 480.000 Pakete. »Die Situation wird immer verzweifelter, und es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu sehen, daß es in Wales und England auch so aussieht«, wurde IFAN-Vertreterin Sabine Goodwin von der Tageszeitung »The Guardian« damals zitiert.

Längst nicht alle Befugten beanspruchen allerdings den Dienst einer Food Bank. Teilweise kommen Schulen für die Ernährung von Kindern auf. Erwachsene lassen zunehmend Mahlzeiten aus. Die britische Politik ignoriert diese Fakten oder reagiert nur zögerlich. Sozialministerin Amber Rudd sagte laut »Guardian« am 25. April: »Das hat absolut nichts mit unserer Sozialpolitik zu tun.«

Christian Bunke, Manchester

Eine der Läden von Trussell Trust (Foto: Trussell Trust)

Dienstag 14. Mai 2019