Vor 100 Jahren

Die Geburtsstunde des Faschismus

Gründung der Kampfbünde Mussolinis. Der Chef der in Rom regierenden Lega, Matteo Salvini, beruft sich auf dessen Erbe

Die seit Juni 2018 in Rom mit der rechten Fünf Sterne-Bewegung (M5S) regierende rassistische Lega ist auf dem Weg, Schritt für Schritt ein Regime zu errichten, das dem faschistischen von Benito Mussolini immer ähnlicher werden könnte. Die sich demagogisch »gelb-grün« apostrophierende Regierung kopiert »in beängstigender Weise den historischen Faschismus«, schätzte der Philosophie-Professor und antifaschistische Publizist Giuseppe Aragno ein. Salvini verkörpere »die aus dem Sqadrismus (Terror) Mussolinis bekannte Schlägerseele«. Ein Blick auf das Erbe des Mussolini-Faschismus, auf das sich Salvini ständig beruft, zeigt erstaunliche Anknüpfungsmöglichkeiten in der Gegenwart. Die aktuellen Lehren sind offensichtlich.

Der Begriff des Faschismus entstand in Italien, wo Mussolini bereits ein Jahrzehnt vor Hitler die Macht ergriff. Am Beispiel Italiens zeigt sich besonders, daß die Wurzeln des Faschismus, darunter seines Expansionsdranges, bereits im Ersten Weltkrieg liegen. Im Auftrag der Rüstungsindustriellen (Ansaldo, Conti, Benedetti, Donegani, Agnelli, Pirelli) bildete Mussolini schon im Januar 1915 demagogisch getarnte »Fasci d’Azione Rivoluzionario« (Revolutionäre Kampfbünde/Kampfabteilungen), deren Mitglieder sich Fascisti (Faschisten) nannten.

In ihrer Zeitung »Pòpolo d’Italia«, einem von eben jenen Rüstungskonzernen finanzierten Kampfblatt, propagierte Mussolini den Kriegseintritt auf Seiten der Entente. Vor der Abstimmung über den Kriegseintritt hetzte Mussolini, die Abgeordneten, die gegen den Kriegseintritt seien (das waren vor allem die Sozialisten, die als einzige westeuropäische Sektion der II. Internationale bei Kriegsausbruch Antikriegspositionen bezogen), »sollten vor ein Kriegsgericht gestellt«, um für »das Heil Italiens« »einige Dutzend Abgeordnete zu erschießen«, andere »ins Zuchthaus zu stecken«.

Als Mussolini am 23. März 1919 mit Fasci Italiani di Combattimento (Italienische Kampfbünde, später auch Squadre d’Azione – Sturmabteilungen genannt) die erste offen faschistische Organisation gründete, schlug die Geburtsstunde des Faschismus. Im November 1921 konstituierte Mussolini diese mit rund 320.000 Mitgliedern und 2.200 Fasci zum Partito Nazionale Fascista (PNF). Von nun nannte er sich »Duce del Fascismo«.

Die Mitglieder des PNF nannten sich weiter Fascisti, und die Bewegung wurde als Fascismo bezeichnet. Mussolini griff damit auf zwei klassenmäßig entgegengesetzte Symbole zurück. Fasces, lederumschnürte Rutenbündel der altrömischen Liktoren, aus denen ein Beil hervorragte, wurden im alten Rom den Konsuln als Zeichen über Leben und Tod vorangetragen. Mit diesem Rückgriff feierte der künftige »Duce« sich und den PNF als Nachkommen des großen römischen Reiches und seiner Cäsaren.
Gegenüber den Arbeitern wurden die Traditionen der Unterdrückten herausgestellt, die in den Kämpfen des 18. und 19. Jahrhunderts auch Fasci gebildet hatten. So die Tagelöhner und Arbeiter in Sizilien 1889 Fasci siciliani dei Lavo­ratori (Arbeiterbünde), aus denen 1893 die Federazione Socialista Siciliana hervorging. Die schwarze Farbe der Uniformhemden bezog sich auf die Bergarbeiter als auch die Anarchisten, die schwarze Hemden trugen.

Demagogie und Terror

Der italienische Komunist Palmiro Togliatti stellte in seinen »Lektionen über den Faschismus« zwei Merkmale des Faschismus heraus: Die hemmungslose soziale Demagogie und den blutigen Terror zur Zerschlagung der revolutionären Arbeiterbewegung und zur Ausschaltung aller politischen Gegner. Aber nicht wenige, auch revolutionäre Sozialisten, erkannten noch längere Zeit nicht, daß mit der Fasci-Bewegung eine neue und auf offene terroristische Gewalt setzende Interessenorganisation führender imperialistischer Kreise auf den Plan trat. In der Italienischen Sozialistischen Partei (PSI) meinten viele, Mussolini gründe eine neue sozialrevolutionäre Organisation. Das auf dem Fasci-Kongreß angenommene Programm enthielt durchweg bürgerlich-demokratische Forderungen der Sozialisten, die mit nationalistischen Phrasen untersetzt wurden.

In der PSI hatte der reformistische Flügel sich noch nicht als die Partei beherrschend durchgesetzt. Die PSI-Führung begrüßte mehrheitlich die russische Oktoberrevolu­tion und beschloß, der Kommunistischen Internationale beizutreten. Dem italienischen Imperialismus fehlte so eine sozialdemokratische Führung, die – wie die der SPD in Deutschland – als sein Retter auftreten und die revolutionäre Erhebung der Arbeiter niederschlagen konnte. Das machte den Faschismus in Italien früher als in Deutschland zu der Kraft, in der Großkapital und Großgrundbesitzer den Garanten ihrer Existenz sahen und der sie an die Macht verhalfen.

Pseudorevolutionäre Tarnung

Als Führerpersönlichkeit zehrte Mussolini einmal von seiner 14-jährigen Karriere in der PSI, in der er eine herausragende Führerrolle gespielt hatte, zuletzt als Chefredakteur des »Avanti«. Das verlieh seiner pseudorevolutionären sozialistischen Tarnung einen glaubhaften Anschein und verschaffte der Bewegung frühzeitig eine Massenbasis auch innerhalb der Arbeiterbewegung. Zum anderen hatte er sich 1914/15 durch seinen chauvinistischen Interventionismus als ein zuverlässiger Erfüllungsgehilfe des Imperialismus erwiesen. Er überbot selbst die revolutionären Sozialisten mit ultra-revolutionären Phrasen.

Die Faschisten führten eigene Fabrikbesetzungen durch, übernahmen die Losung der Bildung von Fabrikräten, kritisierten die reformistischen PSI-Führer wegen »Zurückweichens vor der Revolution«, verlangten die »Nationalisierung aller Rüstungsbetriebe«. Im »Pòpolo d’Italia« propagierte Mussolini »Tod den Ausbeutern«. Um vom Terror seiner Sturmabteilungen abzulenken, forderte er, »die Feinde des Volkes« und »die Nutznießer des Krieges« sollten »aufgehängt« werden.

Bewaffnete Bewegung zur Zerschlagung des Proletariats
Als sich in den Massenkämpfen 1919/20 die Machtergreifung durch die revolutionären Linken abzeichnete, gingen die faschistischen Sturmabteilungen mit einem barbarischen Terror vor. Sie überfielen Arbeiterviertel, steckten Versammlungsräume der Soziali­sten und der Gewerkschaften in Brand, mißhandelten Funktionäre auf der Straße und in ihren Wohnungen, erschlugen sie auf den Feldern und stellten ihre Leichen zur Schau. In Mailand und zahlreichen weiteren Städten zwangen sie die linken Verwaltungen zum Rücktritt. Die von Antonio Gramsci als Zeitung der gleichnamigen kommunistischen Gruppe in der PSI herausgegebene »Ordine Nuovo« berichtete am 23. Juli 1921, daß 1920 2.500 Italiener unter den Kugeln der Faschisten den Tod fanden, im ersten Halbjahr 1921 ungefähr 1.500 Menschen getötet, 20.000 Bewohner aus den Städten vertrieben, in der Emilia Romagna, der Toskana, in Umbrien, dem Veneto 15 Millionen Menschen terrorisiert wurden.

Wie Angelo Tasca in »Glauben, gehorchen, kämpfen. Der Aufstieg des Faschismus in Italien« schrieb, wurden im ersten Halbjahr 1921 nach unvollständigen Angaben 726 proletarische Einrichtungen, darunter 17 Zeitungsredaktionen und Druckereien, 59 Volksheime, 119 Gewerkschaftszentralen, 107 Genossenschaften, 141 Lokale der Sozialisten und Kommunisten, 100 Kulturheime, 10 Volksbibliotheken und -Theater, 53 Arbeiter- und Erholungsheime zerstört.

Mit dem »Marsch auf Rom« am 28. Oktober 1922, dem von den führenden Industriekreisen, dem Königshaus, Militärs und dem Vatikan unterstützten Militärputsch, war der »Duce« am Ziel. Auf Geheiß des Verbandes der Großindustriellen (Confindustria) berief König Vittorio Emanuele III. den »Duce« des PNF, der im Parlament von 508 Sitzen nur 36 belegte, zum Regierungschef.
Nationalisten, Liberale und die katholische Volkspartei traten in die Regierung ein und verschafften dem faschistischen Regime zunächst ein parlamentarisches Mäntelchen – bis zum Verbot aller Parteien, ausgenommen der PNF, und der Errichtung der offenen terroristischen Diktatur 1925/26.

Gerhard Feldbauer

Die faschistischen Schwarzhemden bei ihrem »Marsch auf Rom«, 28. Oktober 1922

Dienstag 14. Mai 2019