»Innovatives Klimaschutz-Projekt« oder Propaganda-Spielwiese?

Retten Dachgewächshäuser den Planeten?

Da wurde gestern die Presse zum Besuch eines Projekts zur Verringerung des Kohlendioxidausstoßes durch Gewächshäuser auf dem Dach mit dem Namen »GROOF« zum »Institut de formation sectoriel du bâtiment« (IFSB), interessanterweise eine Aktiengesellschaft, auf Nummer 5 in der Aktivitätszone Krakelshaff in Bettemburg geladen, um mit dem Navigationsgerät hinter dem Bahnhof vor einer verschlossenen Schranke zu landen. Zurückfahren war angesagt, am Märchenpark vorbei, um nach einem ordentlichen Umweg 150 Meter von der Schranke entfernt auf der anderen Seite zu landen. Warum es da keine Hinweisschilder gibt, umso mehr vor uns ein deutscher Lkw wendete, der in dieselbe Zone wollte, weiß wahrscheinlich allein der Bettemburger Bürgermeister.
Monster-Einleitung
Wohl war in der Einladung erwähnt worden, das Projekt werde aus dem Interreg-Programm für Nordwesteuropa von der EU gefördert, doch das ließ nicht die Propagandaveranstaltung erwarten, die da wie eine Wahlveranstaltung auf die Erschienenen niederprasselte. Selbst Minister Claude Turmes, eigentlich zuständig für Energie und Raumplanung, der uns verriet, eine kurze Nacht gehabt zu haben, und der wegen Terminnot auch vor der Besichtigung entschwand, hatte inhaltlich nur EU-Lob vorzubringen.
Zum Verwundern war aber dabei seine Aussage, es gebe Schwierigkeiten, Arbeitskräfte nach Luxemburg zu locken, weil angeblich der großregionale Arbeitsmarkt leergefegt sei. Angesichts der doch immer noch hohen Arbeitslosigkeit in Frankreich und Belgien ist das eine mehr als gewagte These. Tatsache ist aber im Gegensatz dazu, daß immer mehr Leute im Einstellungsgespräch fragen, wie lang der Weg von zu Hause auf die Arbeit denn sei zu der Zeit, wo man gebeten wird, zu erscheinen. Das Haupthindernis heißt folglich langsam aber sicher, weil in Zug und Bus zu der Zeit schon alle Plätze besetzt sind und Sardinenbüchsengefühl geboten wird: Stau!
Wir wurden abseits der Realität der laufenden Militarisierung gebeten, die EU für etwas Großartiges zu halten, das Grenzen in Luft auflöst, Menschen zusammenbringt und alles Mögliche in der Zeit von 2021 bis 2027 noch viel mehr fördern wird als bisher, wenn es nach den ungelegten Eiern des Vorschlags der EU-Kommission zum Budget geht, was aber mehr als unsicher ist. Begackert sind die Eier aber jedenfalls jetzt ausgiebig, und zwar auf Englisch. Die interessante Frage, wie das künftig geht, wenn Britannien ausgeschieden ist und kein Land mehr Englisch als Sprache gemeldet hat, blieb unbeantwortet.

Das Projekt

Erst dann durfte Bruno Renders, IFSB-Direktor, endlich das Projekt mit elf Partnern aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Spanien und Luxemburg vorstellen, für das die EU 2,9 Millionen Euro zuschießt.

Zweck der Übung ist also das Einsparen von Kohlendioxid bei Gebäuden und in der Landwirtschaft, indem auf Dächern Gewächshäuser von unten kommende Abluft und Abwärme nutzen. Zur Bewässerung soll das auf dem Dach aufgefangene Regenwasser dienen. Da die Pflanzen bei der Photosynthese Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln, ist das ein Beitrag zur städtischen Luftaufbesserung. Gleichzeitig braucht das lokal erzeugte Gemüse keine langen Transportwege zum Verbraucher, und schon haben wir eine weitere Einsparung. Das wird umso wichtiger, weil heute in der EU 75 Prozent der Bevölkerung in Städten wohnen und es bis 2023 80 Prozent sein werden.

Neben dem IFSB ist bei dem internationalen Projekt mit vier Versuchsanlagen auch der »Conseil de développement économique pour la construction« (CDEC) aus Luxemburg beteiligt. Mit dem Projekt verbunden sind vier Dachgewächshäuser in Bettemburg, Belgien, Frankreich und in Deutschland, die zusammen 54 (!) Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen sollen. Damit wird also weder die Welt noch das Klima zu retten sein, denn das entspricht in etwa dem, was eine Start-Stop-Automatik bei einem 1.600er Dieselmotor auf 500.000 Kilometer einspart.

Womöglich hilft es aber tatsächlich, mehr vom im Land verbrauchten Gemüse lokal zu erzeugen, wenn sich denn die Bedenkenträger in den Gemeinden überzeugen lassen, auf Flachdächern vier Meter hohe Gewächshäuser zuzulassen, was derzeit einer Ausnahmegenehmigung bedarf, die schwer zu bekommen ist. Im reglementarisch-gesetzlichen Bereich muß also noch einiges passieren, wenn auf dem Weg mehr als drei Prozent Obst und Gemüse, das in Luxemburg gegessen wird, erzeugt werden soll.

Viele Probleme zu bewältigen

An die Wand projiziert wurden ganz tolle Bilder von den vier Anlagen, womit der Eindruck erweckt wurde, da gäbe es wirklich etwas Tolles und Berichtenswertes. Auf dem Weg zum Dach dann die Enttäuschung: Diese Anlagen sind alle erst geplant und noch im Genehmigungsverfahren, auch die 550 Quadratmeter große in Bettemburg. Und die Gemeindeführungen sehen allesamt ein Problem darin, daß da satte vier Meter auf ein Gebäude drauf sollen, die seinerzeit in der Baugenehmigung nicht vorgesehen waren.

Das war übrigens auch schon beim tatsächlich vorhandenen Prototypen, der 2014 dann doch gebaut werden durfte, ein Problem. Ein weiteres zu lösendes Problem beim ursprünglich nicht geplanten Draufsetzen eines Gewächshauses auf ein Flachdach ist das des Gewichts, erfuhren wir. Denn ist das zu groß, bricht die Dachstruktur zusammen.
Ausgeschlossen ist daher die Verwendung von Glas und Erde, da zu schwer. Beim 55 Quadratmeter großen Prototypen wurde daher Teflon verwendet, weil es sehr leicht ist, zudem selbstreinigend und mehr Licht durchläßt als Glas. Für die Pflanzen ist das so, als ob sie draußen stünden. Statt auf der zu schweren Erde stehen sie in geraspelter Kokosschale, was ebenfalls sehr leicht ist. Die Kulturen funktionieren tatsächlich ohne Chemie mit Regenwasser, das aus zwei blauen Behältern unter Ausnutzung der Schwerkraft über Plastikrohrleitungen zu den Pflanzen kommt.

Aus diesem Prototypen wurde das Projekt entwickelt. Die 550 Quadratmeter, wenn sie dann mal stehen mit Baukosten zwischen 600.000 und 700.000 Euro, sollen mit anderthalb Arbeitskräften den Weg zur industriellen Nutzung bereiten. Dafür werden 400.000 Quadratmeter angestrebt, wobei das Ziel ist, die Baukosten pro Quadratmeter auf 300 bis 400 Euro zu reduzieren. Bis dahin wird noch viel Zeit vergehen, bis die 550 Quadratmeter in Betrieb gehen, noch mindestens zwei Jahre.

jmj

Dieses 55 Quadratmeter »große« Dachgewächshaus gibt es seit 2014. Alles weitere ist Zukunftsmusik (Fotos: ZLV)

Mittwoch 5. Juni 2019