Absage unter einem Vorwand

Fiat-Chrysler will nun doch keine Fusion mit Renault – in Frankreich überwog die Skepsis

Der Traum von der Allianz der Autokonzerne Renault, Fiat und Chrysler ist geplatzt. Am Donnerstag um 1.17 Uhr teilte Fiat-Chef John Elkann im Namen der italienischen Aktionärsfamilie Agnelli mit, daß diese ihr Angebot zurückgezogen habe. Als Vorwand dient die angeblich zögerliche Haltung der französischen Seite. Auch der italienische Vizeregierungschef Luigi Di Maio schob Frankreich den Schwarzen Peter zu und machte »politische Einmischung« für das Scheitern der Fusion verantwortlich.

Für den französischen Staat, der 15 Prozent der Anteile an Renault hält, hatte Wirtschafts- und Finanzmini­ster Bruno Le Maire eine Woche Bedenkzeit gefordert, um in der Zwischenzeit in Japan die Zustimmung des Renault-Partners Nissan einzuholen. Der Verwaltungsrat von Renault hatte daher eine Entscheidung über das Angebot erneut vertagt, auch wenn nach informierten Kreisen eine breite Mehrheit für die Fusion war. Auch mißfiel in Frankreich offensichtlich, daß Elkann arrogant erklärt hatte, sein Angebot könne nur angenommen oder ausgeschlagen werden.

Die Idee dieser Allianz war verlockend, hatte aber auch mehrere Haken. Durch die französisch-italienisch-US-amerikanische Allianz wäre die nach Toyota und Volkswagen drittgrößte Automobilkonzerngruppe entstanden, unter Einschluß von Nissan sogar die größte der Welt. Doch Paris hatte Garantien für die französischen Standorte und Arbeitsplätze verlangt, zumal man gerade mit General Electric schlechte Erfahrungen gemacht hat. Der US-amerikanische Konzern hatte nicht nur seine Zusage, nach der Übernahme der Energiesparte von Alstom in Frankreich 1.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, nicht eingehalten, sondern dieser Tage sogar die Streichung von 1.000 Stellen angekündigt. So etwas sollte bei Renault ausgeschlossen werden. Zwar sicherte Fiat-Chrysler-Chef Elkann der französischen Regierung einen Platz im Aufsichtsrat zu, obwohl ihr Anteil im neuen Unternehmen auf sieben Prozent geschrumpft wäre, doch auf die Forderung nach Beschäftigungsgarantien reagierte er ausweichend.

Jetzt stellen sich viele die Frage, ob das Scheitern der Allianz zu bedauern oder eher zu begrüßen ist. Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Der Plan war mehr als ungewöhnlich – zum einen wegen der Hast, mit der er vorangetrieben wurde, zum anderen wegen der Dimensionen, denn die Allianz hätte ein buntes Gemisch sehr verschiedener Automarken mit sich gebracht, von Renault, Dacia und Lada über Fiat, Alfa Romeo und Lancia bis zu Chrysler, RAM und Jeep sowie vielleicht sogar bis zu Nissan und Mitsubishi. Damit hätten sich Einspareffekte durch Synergien bei der Fertigung von Teilen und Baugruppen genauso ergeben wie Hilfen für die Erschließung von Märkten, die der einen oder anderen Marke bisher verschlossen waren. Selbst die französischen Gewerkschaften – mit Ausnahme der immer klassenkämpferischen CGT – zeigten sich aufgeschlossen für die Idee. Doch die bunte Vielfalt mit ihrem Gemisch sehr verschiedener Unternehmenskulturen wäre sicher schwer zu lenken und zu beherrschen gewesen.

So beschränkten sich die positiven Reaktionen auf die Ankündigung einer Fusion fast ausschließlich auf Vertreter der beteiligten Gruppen. Für eine breitangelegte Allianz spricht allein schon, daß die Partnerschaft zwischen Renault und Nissan an einem toten Punkt angelangt ist. Vor allem jedoch finden die einzelnen Konzerne diesseits und jenseits des Atlantiks nicht genug Investitionen für die anstehenden revolutionären Entwicklungen in der Branche in Richtung elektrisch angetriebener und weitgehend elektronisch oder gar autonom gelenkter Fahrzeuge.

Die Stimmen, die Bedenken äußerten oder sogar dafür plädierten, die Finger davon zu lassen, waren indes deutlich in der Überzahl. So warnte Patrick Pelata, bis vor acht Jahren Generaldirektor von Renault, in E-Mails an Dutzende ihm persönlich bekannter Spitzenpolitiker und einflußreicher Geschäftspartner eindringlich vor dem Deal. Auch der langjährige Renault-Nissan-Konzernchef Carlos Ghosn, den die Justiz in Japan immer noch festhält und gegen den jetzt auch die Regierung in Paris eine Anzeige einreichte, schrieb an Freunde und Partner, daß er das Vorhaben für unvorteilhaft und gefährlich halte.

In Paris geht man indes davon aus, daß die Fusionspläne noch nicht ganz vom Tisch sind. Budgetminister Gérald Darmanin sagte dem Sender »Franceinfo«, die Gespräche »könnten in nächster Zeit wieder aufgenommen werden«.

Ralf Klingsieck, Paris

Renault-Werk im nordfranzösischen Maubeuge: Sein Job war letztlich wichtiger als die Strategiespiele der Konzernchefs und Aktionäre (Foto: AFP)

Dienstag 11. Juni 2019