Machtkampf in der Autoallianz

Streit zwischen Renault und Nissan über die künftige Zusammenarbeit tritt offen zutage

Die diesjährige Hauptversammlung des Automobilkonzerns Renault am Mittwoch in Paris war die erste seit 15 Jahren ohne den lange Zeit übermächtigen Carlos Ghosn. Der wird seit November in Japan von der Justiz festgehalten, die ihm Bereicherung auf Ko­sten der von ihm geführten Allianz Renault-Nissan vorwirft. Doch sein Nachfolger als Verwaltungsratschef von Renault, Jean-Dominique Senard, mußte sich nicht nur unbequemen Fragen der Aktionäre zu diesem Thema stellen, sondern auch zu der gescheiterten Fusion mit der Gruppe Fiat-Chrysler.

Zudem kommen Spannungen und Interessenskonflikte mit dem Partner Nissan, die hinter den Kulissen seit langem vorhanden waren und sich seit dem Fall Ghosn zuspitzten, offen ans Tageslicht. In einem vor wenigen Tagen übermittelten Brief der Renault-Direktion an Nissan wird die dort geplante Reform der Unternehmensführung abgelehnt und angekündigt, daß sich die Renault-Vertreter Ende des Monats bei der Nissan-Hauptversammlung be­stenfalls der Stimme enthalten werden. Beide Unternehmen sind durch Aktientausch miteinander verbunden. Da Renault 43,4 Prozent der Nissan-Anteile hält und für eine solche Entscheidung eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig wäre, ist die geplante Reform damit schon gescheitert. Nissan bezeichnete diese Entscheidung als »höchst bedauerlich«, was in der sehr diplomatischen japanischen Geschäftssprache massive Kritik ausdrücken dürfte.

Für Nissan kam das Signal aus Paris unerwartet, da Renault bislang eher Verständnis für die Reformpläne signalisierte. Zwar geht es nach außen hin nur um die Sitzverteilung in drei neu zu schaffenden Gremien des Nissan-Konzerns, doch im Hintergrund spielt sich ein Tauziehen um die Führung der Allianz und um deren strategische Linie ab. Durch die Ausschaltung Ghosns, der Nissan vor Jahren aus den tiefroten Zahlen geholt hatte, konnte der neue Nissan-Vorstandsvorsitzende Hiroto Saikawa den Einfluß von Renault auf den japanischen Konzern einschränken. Doch wenn er geglaubt hat, daß er mit seinem neuen Amtskollegen bei Renault leichtes Spiel haben würde, hat er sich getäuscht. Auch Senard nimmt langfristig Kurs auf die schon von Ghosn betriebene komplette Fusion der beiden Konzerne, was die Japaner nicht zuletzt aus Gründen des nationalen Stolzes abwenden wollen. In diesem Zusammenhang ist der Verdacht aufgekommen, daß Saikawa die Offenlegung des Verdachts, daß sich Ghosn auf Kosten der Unternehmen persönlich bereichert hat, als Notbremse gegen die Fusion benutzt hat.

Wer von den beiden Autokonzernen stärker ist, läßt sich nicht eindeutig sagen. Nissan baut zwar viel mehr Autos als Renault, erwirtschaftet aber deutlich weniger Gewinn. Nach einem Rückgang des operativen Gewinns um 45 Prozent im vergangenen Jahr wurde für das laufende Jahr ein weiterer Rückgang um 28 Prozent angekündigt. Das belastet nicht nur die Allianz, in die auch Mitsubishi eingebunden ist, sondern selbst die Bilanz von Renault.

Daß Renault jetzt gegenüber Nissan bestimmter als bisher auftritt, hat zweifellos auch damit zu tun, daß die japanischen Vertreter im Verwaltungsrat des französischen Konzerns die Fusionsverhandlungen mit der Gruppe Fiat-Chrysler nicht eindeutig begrüßten. Die halbherzige Haltung war mit ausschlaggebend dafür, daß Fiat-Chrysler sein Fusionsangebot schon nach wenigen Tagen unter Vorwänden wieder zurückzog.

Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire nutzte seinen Aufenthalt in Japan anläßlich des Treffens der Finanzminister der G-20-Staaten am vergangenen Wochenende dazu, den Eindruck zu zerstreuen, seine Bedingungen bezüglich Arbeitsplatzgarantien seien für die Absage der Fusion durch Fiat-Chrysler verantwortlich gewesen. Vor Journalisten in Tokio sagte er, eine Fusion bleibe eine »schöne Möglichkeit«, doch Priorität müsse haben, die seit Jahrzehnten währende Zusammenarbeit von Renault mit Nissan »dauerhaft abzusichern« – egal in welcher Form. Die Hauptsache sei, daß sich Nissan und Renault möglichst bald einigen.
Inzwischen gibt es Informationen, laut denen zwischen Fiat und Renault insgeheim erneut verhandelt wird, und zwar, ohne Nissan ins Vertrauen zu ziehen. Man darf gespannt sein, wie sich dieser neue Anlauf gestaltet.

Ralf Klingsieck, Paris

(Foto: AFP)

Donnerstag 13. Juni 2019