Kampf um Augenlicht

Der politische Gefangene Mumia Abu-Jamal ist akut von Erblindung bedroht. Die nötige Operation wird hinausgezögert

Am Tag vor dem nationalen Feiertag am 4. Juli standen die Telefone in zwei USA-Behörden nicht still. Lawrence Krasner, Bezirksstaatsanwalt von Philadelphia, und Superintendentin Theresa A. Delbalso, Leiterin des Staatsgefängnisses Mahanoy in Frackville (Pennsylvania), wurden von zahlreichen Anruferinnen und Anrufern aufgefordert, sich für die sofortige Augenoperation des von Erblindung bedrohten, politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal einzusetzen. Die Telefonaktion geschah bewußt am 3. Juli, dem 37. Jahrestag der Verurteilung des heute 65-jährigen Journalisten, Bürgerrechtlers und früheren Black-Panthers, der seit 1981 unschuldig im Gefängnis sitzt. Im Sommer 1982 war er wegen Mordes an einem Polizisten, den er nie begangen hat, zum Tode verurteilt worden.

Bekanntermaßen ist Abu-Jamal seit Jahren schwer erkrankt. Das ist die Folge der jahrzehntelangen Haft, von der er bis zur Umwandlung des Todesurteils in lebenslange Haft fast 30 Jahre in der Isolation des Todestrakts verbringen mußte. Unter den Bedingungen des »Slow Death«, des »langsamen Todes«, wie der politische Gefangene seine Haft ohne Chance zur Entlassung auf Bewährung nennt, schreitet die Zermürbung seines Körpers weiter fort.

In seiner heutigen Kolumne beschrieb er, der sich selbst sonst zurücknimmt und seine Leserschaft am Leben und den Kämpfen anderer inner- und außerhalb der Gefängnisse teilhaben läßt, wie er den zunehmenden Verlust seiner Sehkraft erlebt. Mittlerweile sehe er so schlecht, daß er »unbedingt die Stimmen von Leuten hören muß, um sie wirklich zu erkennen – wie ein Blinder«.

Der Hamburger Schauspieler und Gewerkschafter Rolf Becker nutzte seinen Auftritt auf der Berliner Künstlerkonferenz der Zeitschrift »Melodie&Rhythmus«, auf die äußerst ernste Situation Abu-Jamals aufmerksam zu machen. Er verwies auf dessen Vertrauensarzt Dr. Joseph Harris, der in einem Gutachten die Notwendigkeit einer sofortigen Haftverschonung für den kranken Gefangenen hervorgehoben hatte, da insbesondere unter den Bedingungen der Haft seine »fast vollständige Erblindung in zwei bis vier Jahren« zu befürchten sei.

Eine »Stimme der Unterdrückten« sei »Mumia nicht nur in den Zellen der USA-Gefängnisindustrie«, so Rolf Becker in seinem Plädoyer für den Kollegen und Mitstreiter, »sondern überall, wo Menschen ausgeschlossen sind von politischer und gesellschaftlicher Teilhabe, nicht nur in den USA«. Wenn er unter dem Verlust seines Augenlichts »in seiner Betonzelle weder lesen noch schreiben« könne, wie solle er dann noch seine Kolumnen verfassen? Nicht nur den Unterdrückten, die öffentlich kein Gehör finden, würde seine Stimme fehlen.

Kurz darauf informierte Noelle Hanrahan vom Prison Radio Project aus San Francisco nach einem Besuch bei Abu-Jamal die Öffentlichkeit darüber, wie schwer dem Gefangenen inzwischen das Lesen falle. Seine Brille lindere die Beschwerden nicht, eine Lupe oder andere Lesehilfen habe er nicht. Dr. Courtney P. Rodgers, medizinischer Leiter der Krankenabteilung im Mahanoy-Gefängnis, habe zwar den Katarakteingriff an beiden Augen inzwischen genehmigt, jedoch erklärt, die Terminierung werde »ein paar Monate« dauern. Rodgers arbeitet für die Privatfirma Correct Care Solutions, der das USA-Justizministerium die medizinische Versorgung in vielen Haftanstalten und Internierungslagern für Einwanderer übertragen hat. Die Vergabe der Termine unterliege »nicht seiner Kontrolle«, so der Arzt gegenüber Abu-Jamal.

»Liberation News«, Zeitung der »Party for Socialism and Liberation« (PSL), berichtete, nicht allein Mumia Abu-Jamal müsse »diese grausamen Angriffe auf die Gesundheit von alternden und kranken Menschen hinter Gefängnismauern ertragen«. Nach einer aktuellen Statistik des USA-Justizministeriums seien mehr als 130.000 Häftlinge Senioren. Zwischen 1993 und 2013 sei die Zahl um 400 Prozent angestiegen. Überall im Land erlebten diese älteren Gefangenen »gegen Ende ihres Lebens eine qualvolle Zeit«, ohne eine Chance auf Entlassung aus »humanitären Gründen« zu bekommen, so die PSL.

In den USA und immer mehr Ländern, von Mexiko bis Frankreich und der BRD, fordern deshalb Menschenrechtsorganisationen und Bündnisse der »Free Mumia«-Solidaritätsbewegung jetzt verstärkt eine sofortige Augenoperation. Rolf Becker kommentierte, wenn jetzt nicht gehandelt werde, dann ginge »das Mundtotmachen von Mumia seinem physischen Tod voraus«. Und der Gewerkschafter betonte gegenüber »jW«: »Es liegt an uns, daß er weiter schreiben und als Mensch für andere Menschen weiterleben kann. Free Mumia!«

Jürgen Heiser

Rolf Becker auf der Berliner Künstlerkonferenz der Zeitschrift »Melodie&Rhythmus«
(Foto: Jens Schulze, Berlin)

Dienstag 9. Juli 2019