Ende der Party

Ex-Renault-Chef Carlos Ghosn gab opulente Feten auf Firmenkosten. Konzernsitz in Paris durchsucht

Nun ist auch die französische Justiz dem in Japan unter Hausarrest stehenden ehemaligen Generaldirektor des Automobilherstellers Renault-Nissan, Carlos Ghosn, auf der Spur. Am vergangenen Mittwoch durchsuchten Beamten der staatlichen Antikorruptionsbehörde und der Pariser Finanzpolizei die Chefetagen und den Verwaltungskomplex der Firma in Boulogne-Billancourt im Westen von Paris.

Die mehr als 15 Stunden dauernde, spektakuläre Aktion galt der Suche nach Anhaltspunkten, die den Verdacht gegen den in Tokio wegen schwerer Untreue und Steuerhinterziehung angeklagten Libanesen mit französischem und brasilianischem Paß erhärten sollen. In einer von Renault veröffentlichten Stellungnahme heißt es, das Unternehmen arbeite auf allen Ebenen mit den Untersuchungsbehörden zusammen und habe selbst Anzeige gegen seinen ehemaligen Chefmanager erstattet.

Einem Amtshilfeantrag der japanischen Justiz folgend, gehen die französischen Ermittler derzeit dem Verdacht nach, Ghosn habe sich unter anderem die pompöse Hochzeit am 8. Oktober 2016 aus der Firmenkasse der Renault-Nissan-Gruppe bezahlen lassen. Die mindestens 50.000 Euro teure Veranstaltung, zu der Ghosn 120 Gäste vor allem aus dem Libanon eingeladen hatte, gilt nicht nur der japanischen Staatsanwaltschaft als bildkräftiger Beweis für die vermutete regelmäßige Veruntreuung von Firmengeld.

Der vom franko-japanischen Kapital fast zwei Jahrzehnte lang als Starmanager gefeierte Libanese hatte von 1999 an den damals maroden Kfz-Hersteller Nissan »saniert« und ihn in die Allianz mit Renault gezwungen. Der auch in Tokio zunächst als »Retter« der japanischen Marke bejubelte Ghosn hatte in diesem Rahmen rund 22.000 Arbeiter gefeuert und die Firma auf die kapitalistische Erfolgsspur zurückgeführt. Nach intensivem Studium der Anklageschriften hatte Renault im Januar die Reißleine gezogen und Ghosn durch das Gespann Thierry Bolloré, den neuen Geschäftsführer, und Jean-Dominique Senard als Präsident des Verwaltungsrats ersetzt. Auch Nissan entließ den bis dahin allein herrschenden Chef der Allianz und machte dessen früheren Stellvertreter Hiroto Saikawa zum Direktor.

Seit Februar untersucht nun die zuständige Staatsanwaltschaft von Paris-Nanterre die überbetrieblichen Ausgaben Ghosns, die seiner Firma nach Ansicht der leitenden Ermittlerin Nathalie Foy Schaden in Millionenhöhe verursacht haben dürften. Der in der bunten Presse zum Ereignis des Jahres 2018 hochgejazzte Abend im Grand Trianon, der Säulenhalle des Schlosses von Versailles, steht inzwischen symbolisch für die Hybris eines der Realität der Arbeitswelt entrückten Großfürsten des multinationalen Unternehmertums. Im prunkvollen Château des Sonnenkönigs Ludwig XIV. ließ Ghosn im wahrsten Sinn des Wortes die Puppen tanzen: Menuett, dargeboten von Balletteusen in historischer Kleidung und mit gepuderten Perücken, edles Porzellangeschirr aus Limoges, rotgoldenes Besteck und Kristallpokale aus den Glasbläsereien von Saint-Louis im von Marmorsäulen gerahmten Peristyl, Wein vom eigenen, 60 Hektar großen Gut »Ixsir« (arabisch für exzellent) im Libanon.

Bereits im März 2014 hatte er die Pracht von Versailles zum Mittelpunkt einer größeren Feier gemacht. Zu Ehren seines eigenen 60. Geburtstags und im »Gedenken an 15 Jahre franko-japanische Allianz« schmauste in der 120 Meter langen »Galérie des Batailles« eine Hundertschaft Industriebosse samt Damen. Die Freude, unter den schweren Ölgemälden der großen nationalen Siege von Chlodwig bis Napoleon zu Tische zu sitzen, ließ Ghosn sich und vor allem Renault einen Haufen Geld kosten: 160.000 Euro Miete für das Schloß, 600.000 Euro für Speis, Trank und ein allseits beachtetes Feuerwerk.

Insgesamt wichtiger als die Luxus-Sausen sind für die Ermittler allerdings die Finanztransaktionen des am 19. November beim Ausstieg aus dem Privatjet verhafteten und in den Hochsicherheitsknast von Tokio verfrachteten CEO. Für die Ermittlerin Nathalie Foy und ihre Leute beweisen Geldtransfers in Millionenhöhe, vorgenommen von der 2002 von Ghosn gegründeten und in die Niederlande ausgelagerten Finanzholding Renault-Nissan B.V. (RNBV), daß der Angeklagte sich indirekt aus der Firmenkasse bedient hat, um private Unternehmungen zu finanzieren und bei Spekulationsgeschäften erlittene Verluste auszugleichen.

Genannt wird unter anderen ein Betrag von nahezu 18 Millionen Euro, den die RNBV dem saudischen Geschäftsmann und Makler Khaled Al-Juffali auf Ghosns »persönliche Anordnung« hin zukommen ließ. Verbucht wurde das Geld nach Angaben der Ermittler unter der Rubrik »Lobbyarbeit« für Renault in arabischen Ländern, speziell im Umfeld des saudiarabischen Königshofes. Französische und japanische Justizbehörden glauben allerdings, daß der Mann, der sich seine Luxusvilla in Beirut von Renault für knapp 50 Millionen Euro renovieren ließ, das Geld für den Schuldendienst einer mißlungenen Finanzspekulation aus dem Jahr 2008 ausgab.

Hansgeorg Hermann, Paris

Früher lebte er auf großem Fuß. Heute sind seine Partys ein Fall für die Justiz. Carlos Ghosn (M), ehemaliger Chef von Nissan, kommt am 23.5.2019 zum Bezirksgericht Tokio zu einem Vorverhandlungstreffen. (Foto: Ren Onuma/Kyodo News/AP/dpa)

Dienstag 9. Juli 2019