Frankreich gibt in Sachen Klima kein gutes Beispiel ab

Ziele des Pariser Abkommens von 2015 in weiter Ferne

Während Präsident Emmanuel Macron unlängst auf dem G20-Gipfel im japanischen Osaka unter den Staats- und Regierungschefs recht erfolgreich – außer bei Trump – dafür warb, dem Klimaabkommen von Paris 2015 die Treue zu halten, stellte ihm zu Hause der eigene Klimarat gerade ein Zeugnis mit einem dicken »Ungenügend« aus. Die elf renommierten Experten – Ökonomen, Ingenieure, Klimatologen und Wissenschaftler anderer Bereiche – die der Präsident vor Monaten persönlich in dieses unabhängige Fachgremium berufen hat, bescheinigen der Regierung, daß seit dem Pariser Klimagipfel die dort übernommenen Selbstverpflichtungen zur Eindämmung der CO2-Emissionen zu keinem Zeitpunkt eingehalten wurden.

»Die Hitzewellen des gegenwärtigen Sommers sind ein Zeichen dafür, daß in immer kürzerer Folge immer stärkere Klimaveränderungen im Gange sind«, sagte Corinne Le Quéré, die Präsidentin des Hohen Rates für das Klima. »Zweifellos unternimmt Frankreich Anstrengungen, doch die sind völlig unzureichend und führen nicht zu den erhofften Ergebnissen. Solange die Maßnahmen gegen die Auswirkungen des Klimawandels wie bisher am Rande der Politik und des öffentlichen Lebens rangieren, besteht nicht die geringste Aussicht, daß Frankreich wie geplant bis 2050 ‘CO2-neutral’ wird.« Besonders kraß seien die Versäumnisse auf dem Gebiet alternativer Energieerzeugung durch Windkraft und Sonnenwärme, wo Frankreich weit hinter anderen Ländern wie Deutschland oder Britannien rangiert.

Der Rat prangert insbesondere auch die Lage im Straßenverkehr an, wo sich zwischen 1990 und 2018 die CO2-Abgabe um mehr als 10 Prozent erhöht hat und wo die Umstellung des Antriebs von Verbrennungsmotoren zu Elektromotoren viel zu langsam vonstatten geht. Auch werden verschwindend wenige Gütertransporte von der Straße auf die Schiene verlagert.

Im Bauwesen mangelt es an effizienten Techniken und an finanziellen Anreizen, um besser zu isolieren, so daß die Wärmeabstrahlung der Häuser immer noch für 20 Prozent der in Frankreich gemessenen CO2-Emissionen verantwortlich ist. Auch die Umstellung veralteter Öl- und Kohleheizungen auf nachhaltigere Gas- oder Elektroheizungen erfolgt viel zu schleppend, weil es an finanziellen Anreizen beziehungsweise Strafandrohungen für die Hausbesitzer mangelt.

Will Frankreich tatsächlich bis Mitte des Jahrhunderts die CO2-Neutralität erreichen, müssen die Emissionen mindestens auf ein Sechstel der heutigen Menge reduziert und der Rest durch zusätzliche Wälder und Feuchtgebiete oder technisch durch unterirdische Speicher gebunden werden. Nur so besteht Aussicht darauf, die Temperatursteigerung bis Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad C zu begrenzen, wie das 2015 der Pariser Klimagipfel beschlossen hat.

Dafür müßte Frankreich seine CO2-Emissionen jährlich um 1,9 Prozent und ab 2025 um 3,5 Prozent senken. Tatsächlich jedoch liegt die Verringerung für den Zeitraum von 2015 bis 2018 nur bei jährlich 1,1 Prozent. Um den so entstandenen Rückstand aufzuholen, müßte bis 2025 die jährliche CO2-Reduzierung verdreifacht werden.
Der Klimarat kritisiert auch die »Vogel-Strauß-Taktik« der Regierung, die bei der Bilanzierung der reellen CO2-Emissionen den Überseehandel per Schiff oder Flugzeug unberücksichtigt läßt. Wenn man jedoch die so »importierten« Klimagase berücksichtigt, entfallen auf jeden Franzosen jährlich insgesamt 11 Tonnen CO2 und nicht nur die 6,6 Tonnen aus rein nationalen Quellen.

Der Rat regt an, daß jedes neue Gesetz, jedes Regierungsdekret und jede Verordnung unbedingt einen Passus über die Konsequenzen für den Klimawandel und die dem entgegenwirkenden konkreten Verpflichtungen und Maßnahmen enthalten sollte. Die Regierung muß jetzt auf den Bericht des Klimarats reagieren, entsprechende Schritte beschließen und darüber innerhalb von sechs Monaten vor dem Parlament Bericht erstatten.

Ralf Klingsieck, Paris

Demo in Montpellier am 12.April (Foto: EPA-EFE)

Donnerstag 11. Juli 2019