Afrika geht an den Start

54 Staaten, 1,2 Milliarden Einwohner mit Kurs Industrialisierung. 2020 tritt kontinentales Freihandelsabkommen AFCFTA in Kraft

Mit einem panafrikanischen Freihandelsabkommen will die Afrikanische Union (AU) die Länder des Kontinents aus ihrer neokolonialen Rolle als Rohstofflieferanten und Absatzmärkte der reichen Industriestaaten befreien helfen. AU-Kommissionspräsident Moussa Faki Mahamat leitete am Wochenende auf dem Gipfel des Staatenbundes in Nigers Hauptstadt Niamey die sogenannte operationelle Phase des African Continental Free Trade Agreement (AFCFTA) ein. Nun geht es darum, die letzten Vorbereitungen zu treffen, damit das Abkommen ab dem 1. Juli 2020 praktisch umgesetzt werden kann.

Nigeria macht mit

Die ersten Staaten hatten das kontinentale Freihandelsabkommen am 21. März 2018 in Ruandas Hauptstadt Kigali unterzeichnet. Am Wochenende schloß sich mit Nigeria das vorletzte der 55 AU-Mitgliedstaaten an. Dies galt als besonders wichtig, weil Nigeria das bevölkerungsreichste Land des Kontinents ist und zudem das größte Bruttoinlandsprodukt (BIP; auch als Wirtschaftsleistung bezeichnet) erzielt.
27 Staaten haben das Afcfta mittlerweile ratifiziert. Lediglich Eritrea hält sich fern.
Perspektivisch soll das Abkommen die 54 Staaten mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern verbinden. Afrika wäre dann die größte Freihandelszone der Welt.

Ausgangspunkt für die Arbeit am AFCFTA ist die Feststellung gewesen, daß die afrikanischen Staaten nur sehr wenig Handel untereinander treiben. Das liegt daran, daß sie in der Vergangenheit von den europäischen Kolonialmächten weitestgehend auf eine Rolle als Rohstofflieferanten und Absatzmärkte für Industrien der EU-Staaten getrimmt worden waren – und daß der transatlantische Neokolonialismus es ihnen auch nach der Entkolonialisierung unmöglich gemacht hat, aus dieser Rolle auszubrechen. Entsprechend wickeln sie bis heute 83 Prozent ihres Außenhandels mit Ländern außerhalb des Kontinents ab, von denen sie unverändert die benötigten Industrieprodukte kaufen, anstatt ihre eigene Industrialisierung in Angriff zu nehmen.

Nur 17 Prozent ihres Außenhandels werden in Afrika selbst realisiert. Ein ähnliches Verhältnis findet man lediglich in Lateinamerika, das ebenfalls zu guten Teilen in neokolonialer Abhängigkeit gehalten wird. Der Außenhandel dort wird zu 78 Prozent mit Ländern auf anderen Kontinenten abgewickelt. Die Staaten der EU hingegen realisieren 69 Prozent ihrer Ein- und Ausfuhren untereinander, die Asiens immerhin 59 Prozent.

Erfolg ungewiß

Ob der Plan gelingt, mit dem AFCFTA dem innerafrikanischen Handel einen Schub zu verpassen und damit vielleicht auch einer eigenständigen Industrialisierung neuen Schwung zu verleihen, ist ungewiß. Zum einen stehen ihm praktische Hindernisse entgegen. Zwar ist es für Händler sehr vorteilhaft, wenn an den innerafrikanischen Grenzen künftig rund 90 Prozent aller Zölle entfallen, was zugleich kosten- und zeitraubende Formalitäten beim Ex- und Import reduzieren dürfte. Allerdings ersetzt der Zollabbau nicht fehlende oder nur schwer befahrbare Straßen. Die großen Infrastrukturprojekte der vergangenen Jahre, auch die chinesischen, verbanden typischerweise Rohstoffabbaugebiete mit großen Exporthäfen und warfen für den innerafrikanischen Handel eher wenig ab.

Hinzu kommt, daß die beteiligten Staaten Zolleinnahmen verlieren, die südlich der Sahara laut Angaben der Weltbank-Gruppe bis zu zehn Prozent der gesamten Staatseinkünfte ausmachen. Darüber hinaus ist nicht sicher, ob die Zolltheorie mit der Zollpraxis in Einklang gebracht werden kann: Wie in vielen verarmten Ländern auf anderen Kontinenten verdienen sich Zöllner oder Grenzwächter auch in Afrika immer wieder ein oft überlebensnotwendiges Zubrot, indem sie an den Übergängen – oder sogar im Landesinnern – gesetzlich nicht vorgesehene Gelder zum Zwecke der privaten Vereinnahmung abfordern. Wie hoch die Einsparungen durch das AFCFTA für die Händler im realen Leben ausfallen, muß sich daher erst noch zeigen.

Neue Konkurrenz

Davon abgesehen könnten die Hauptprofiteure des Abkommens außerafrikanische Unternehmen sein. Mercedes-Benz South Africa etwa oder die Volkswagen AG mit ihrem neuen Werk in Ruanda dürften ansehnliche Zusatzprofite aus der Zollsenkung ziehen und sich weitere kontinentale Absatzmärkte erschließen können. Zur Zeit stagnieren die deutschen Investitionen dort bei einem Gesamtvolumen von rund 11,5 Milliarden Euro. Chinesische Firmen hingegen haben bereits umgerechnet 43 Milliarden US-Dollar (rund 38 Milliarden Euro) auf dem Kontinent investiert.

China ist zudem seit geraumer Zeit dabei, ihre Niedriglohnproduktion auszulagern – zu einem guten Teil in afrikanische Länder. Peking verbindet dies mit einem Entwicklungskonzept, laut dem die Zielländer den damit verbundenen Technologietransfer nutzen sollen, um eigene Industrien aufzubauen. So hat China Ende der 1970er Jahre seinen eigenen Aufstieg gestartet. Ansätze dazu gibt es bislang etwa in Äthiopien und in Ruanda, die sich um die Schaffung einer einheimischen Textilindustrie bemühen.

Das AFCFTA würde dazu beitragen, ihnen neue Absatzmärkte innerhalb eines kontinentalen Binnenmarktes zu erschließen. Allerdings gäbe es auch neue Verlierer – diejenigen Länder Afrikas, deren Firmen der neuen Konkurrenz aus Ruanda oder Äthiopien nicht standhalten könnten. Dennoch: Unter den Bedingungen einer kapitalistischen Weltwirtschaft hat Afrika womöglich keine andere Wahl.

Jörg Kronauer

Mit dem 55. Gipfeltreffen der Afrikanischen Union am vergangenen Wochenende in Niamey, Niger, ist das kontinentale Freihandelsabkommen AFCFTA in Kraft getreten (Foto: GCIS/EPA-EFE)

Donnerstag 11. Juli 2019