Krieg gegen Mensch und Umwelt

Der Krieg in Syrien verursacht Schäden, die noch über Jahrzehnte wirken

Im Norden Syriens brennen die Felder. Schwere Feuer werden aus Idlib, vor allem aber aus den Gebieten nördlich und östlich des Euphrat gemeldet. Es fehlt an Wasser, es fehlt an Löschfahrzeugen oder Flugzeugen, um die brennenden Gebiete zu retten. Der Wind treibt die Flammen an, die Menschen kämpfen dagegen teilweise mit Eimern und Decken. Brände treten bei den hohen Temperaturen im östlichen Mittelmeerraum immer wieder auf.

Doch weil die Felder auch im Südosten der Türkei und im Nordirak brennen, vor allem also in den Gebieten, die von kurdischen Organisationen und/oder Parteien kontrolliert bzw. regiert werden, führt das bei diesen zu der Schlußfolgerung, daß sie als Kurden in den von ihnen kontrollierten Gebieten angegriffen werden. In einer Erklärung machen die syrischen Kurden drei mögliche Täter für die Brände verantwortlich: »verdeckte Terrorzellen« des »Islamischen Staates«, die »Ungläubige« bestrafen wollten; den türkischen Staat, der die Kurden bekämpft wo es nur geht, und den syrischen Staat, der quasi aus Rache die Felder in Brand stecken würde. Die betroffene Bevölkerung wolle mit Syrien keinen Handel treiben, zur Strafe würde ihr Ackerland angezündet.

Oppositionelle, die der Türkei nahe stehen, machen derweil die syrischen Kurden für die Brandstiftung verantwortlich. Die Vernichtung von Ackerland kann von Provokateuren angefacht werden, um Verhandlungen zu behindern und die Bevölkerung gegeneinander aufzuhetzen.

Syrien ist ein Agrarland, das vor wenigen Jahren seine Bevölkerung ernähren und Agrarprodukte exportieren konnte. Die Brände sind eine schwere Belastung und erschweren die Versorgung der Bevölkerung.

Die heiße Kriegsphase in Syrien ist weitgehend vorbei. Noch wird in Idlib, im Norden und Osten des Landes gekämpft, doch 70 Prozent des Territoriums Syriens wurden seit Ende 2016 – mit Hilfe der Verbündeten aus Rußland und dem Iran – wieder unter die Kontrolle der syrischen Regierung und ihrer Streitkräfte gebracht. In diesen Gebieten hat ein großes Aufräumen begonnen, das die immense Zerstörung noch deutlicher macht. Vieles kann nicht gereinigt und wieder aufgebaut werden, weil das USA-Ölembargo den Zugang zu den eigenen Ressourcen östlich des Euphrat verhindert und die EU-Wirtschaftssanktionen sowohl den Ölsektor als auch so ziemlich jeden Handel blockieren, den die Syrer für ein besseres Leben und Betriebe für einen Neuanfang benötigen.

Die Lebensgrundlagen – Wasser, Boden, Luft – sind vom Krieg betroffen. Natürliche Ressourcen wurden als Waffe benutzt und – wie zuvor im Irak – wurde auch im Osten Syriens giftige Uranmunition eingesetzt.

Wasser als Waffe

Quellen, Wasserläufe, Kanäle, Dämme und Bewässerungsanlagen wurden von den bewaffneten Gruppen im ganzen Land besetzt und wiederholt außer Kraft gesetzt. Quellen, Wasserläufe und die Trinkwasserversorgung wurde gestoppt, um die Freilassung von Gefangenen oder den Rückzug der syrischen Streitkräfte zu erpressen. Ziel war immer wieder die Stadt Aleppo, die ihr Wasser fast überwiegend aus dem Euphrat bezieht. Anfang März 2016 begrüßte die UNO-Spezialorganisation für die Rechte der Kinder (UNICEF) die Freigabe der Wasseraufbereitungsanlage Al-Khafseh am Euphrat, die zwei Monate zuvor, am 16. Januar 2016 von bewaffneten Gruppen geschlossen worden war.

Die Anlage versorgt mehr als 2 Millionen Menschen in Aleppo Stadt und Umland mit Trinkwasser. Allein im Jahr 2015 waren nach UNICEF-Angaben mehr als 5 Millionen Syrer von der Trinkwasserversorgung durch ähnliche Aktionen der Regierungsgegner abgeschnitten. Allein in Aleppo Stadt mehr als 40 Mal, in Deraa (Südsyrien), in Damaskus und Umland, in Salamiyeh und Hama wurde wiederholt die Wasserversorgung von den Regierungsgegnern unterbrochen.

Nur einmal berichtete UNICEF darüber, wie Wasser als Waffe eingesetzt wird. Umgehend machten die syrischen Oppositionellen und ihre westlichen Unterstützer die syrische Regierung verantwortlich. Die Schließung und teilweise Zerstörung der Fijeh Quelle (Jahreswechsel 2016/17), die Damaskus und Umland mit Wasser versorgt, lastete die UNO-Untersuchungskommission zu Syrien der syrischen Regierung und Rußland an. Damaskus wies die Vorwürfe zurück.

USA-Angriffe auf Ölfelder

Im September 2014 griff die USA-geführte »Anti-IS-Allianz« mit Marschflugkörpern von Kriegsschiffen aus dem Persischen Golf an. Ziel waren die vom »Islamischen Staat im Irak und in der Levante« (ISIS) besetzten Ölfelder im Osten Syriens zwischen Deir Ez-Zor und dem irakisch-syrischen Grenzort Al Bukamal. Zuvor waren diese Ölförderanlagen von der »Freien Syrischen Armee« kontrolliert worden, dann kam die Nusra Front, dann ISIS.

Die unsachgemäße Förderung von Öl durch die bewaffneten Gruppen sorgte für massive Umweltverschmutzung. Öl und giftige Reststoffe drangen in Boden und Grundwasser ein. Die Bombardierung zerstörte die wenige Jahre vor dem Krieg neu installierten Anlagen und weitete die Verseuchung aus. Die Menschen begannen, Tausende handbetriebener Raffinerien zu betreiben, um das Rohöl zu verarbeiten. Ein UNO-Satellitenfoto von Deir Ez-Zor zeigt unzählige schwarze Punkte, von denen Rauch aufsteigt. Die Menschen, die dort arbeiteten, waren oft Kinder und Jugendliche. Sie waren nicht ausgebildet, arbeiteten mit bloßen Händen und ohne Atemschutz.

Die meisten dieser handbetriebenen Raffinerien sind inzwischen stillgelegt, die Menschen sind geflohen. Doch die Boden- und Wasserverseuchung wird sich ausbreiten, es wird Jahrzehnte dauern und viel Geld kosten, den Boden zu reinigen. Für die Reparatur und/oder Wiederaufbau der zerbombten Ölförderanlagen und die Entsorgung der handbetriebenen Raffinerien fehlt der syrischen Regierung das Geld.
Die großen Ölfelder nördlich und östlich des Euphrat – Omari, Rmeilan, Karatschok – werden heute von den USA-Truppen und den syrischen Kurden auch als Militärbasen benutzt. Die Ölförderung läuft dort – wenn überhaupt – unter ihrer Kontrolle, der offiziellen syrischen Petroleumgesellschaft und ihren Ingenieuren wird der Zugang verwehrt. Die Ölfelder werden als Druckmittel gegen die syrische Regierung benutzt.

USA-Angriffe mit giftiger Uranmunition

Im November 2015 setzte die USA-Luftwaffe in Syrien zwei Mal abgereicherte Uranmunition (DU, Depleted Uranium) in Syrien ein. Erst im Februar 2017 wurde der Einsatz offiziell vom Zentralkommando der USA-Streitkräfte (CENTCOM) bestätigt. 5.265 panzerbrechende Schuß 30-mm-DU-Munition seien abgefeuert worden, bestätigte am 14. Februar 2017 CENTCOM-Sprecher Major Josh Jacques einem Mitarbeiter von »Airwars«, der den Artikel zeitgleich bei »Foreign Policy« veröffentlichte. USA-Kampfflugzeuge A-10, die extra für DU-Munition ausgerüstet sind, griffen am 16. November 2015 nahe der syrisch-irakischen Grenzstadt Al Bukamal einen Konvoi an. Dabei sollen nach CENTCOM-Angaben 116 Tanklastwagen des »IS« zerstört worden sein. Angriffe mit DU am 22. November 2015 zerstörten nach USA-Angaben weitere 283 Tanklastwagen des »IS« in dem Gebiet zwischen Hasakeh und Deir Ez-Zor.

DU-Munition ist ein Abfallprodukt aus der Anreicherung von Uran 235. Sie enthält einen besonders gehärteten Kern, der Panzer und Bunkeranlagen durchschlagen soll, dann erst folgt die Explosion. Dabei wird radioaktiver Staub freigesetzt, der sich mit Wind und Sand weitflächig verteilt. Er verseucht die zerstörten Fahrzeuge, die meist von der lokalen Bevölkerung auf der Suche nach Brauchbarem zerlegt werden.
Der giftige Staub verseucht Luft, Boden und Wasser und dringt in Mensch, Tier und die Pflanzenwelt ein, wo er Krebs auslöst und das Erbgut schädigt. Langfristige Folge sind schwerste Fehlbildungen bei Neugeborenen.

Während des Krieges gegen den Irak 1992, bei der völkerrechtswidrigen Invasion in den Irak 2003 und bei den Angriffen auf die Stadt Falluja 2004 wurde in großen Mengen DU-Munition eingesetzt. Die Folgen sind bis heute im Irak zu sehen.

Karin Leukefeld

Stillgelegte und teilweise zerstörte handbetriebene Ölraffinerien bei Deir Ez-Zor, Oktober 2017 (Foto: Karin Leukefeld)

Freitag 12. Juli 2019