»Commissariat aux Assurances« bilanziert:

Alles bestens, und Brexit ist ein Geschäft

Eingangs der Pressekonferenz wurde vordemonstriert, wie wenig wahr es ist, wenn die Regierung das Land als herausragenden Standort für Informationstechnologie feiert. Der Schlepptop, mit dem die Power-Point-Präsentation gezeigt werden sollte (daß das auch mit LibreOfficeImpress gleich gut, aber billiger geht, ist ein unbekanntes Wissen), teilte zuerst mit, daß er unter Windows 7 Professional läuft. Wie das bei dieser Firma so spielt, beschloß sie exakt zu dem Moment, wo Präsident Claude Wirion die Presse begrüßte, daß da ein Update fällig wäre, und die Präsentation verschwand vom Bildschirm. Das war besonders blöd, weil das Kommissariat sparen wollte und keinen Ausdruck vorbereitet hatte. Steht ja alles auf www.caa.lu, ebenfalls der Jahresbericht, der gedruckt erst im August vorliegen wird. Leichte Panik, ein junger Mitarbeiter wird geholt, der zuckt mit den Achseln, verschwindet wieder. Wirion beginnt mit seinem Vortrag voller Zahlen, die Pressevertreter schauen sich fragend an. Der junge Mann erscheint wieder mit einem anderen Schlepptop – jetzt gibt es wenigstens was an der Wand zu sehen. Bravo!

Jedenfalls wird der Brexit ein Geschäft für den Versicherungsstandort Luxemburg. 2017 kam die erste Firma, 2018 folgten 11 und es hat ein regelrechter Zulauf von Makler-Formen eingesetzt, die von London nach Luxemburg wechseln. Allein im ersten Halbjahr 2019 waren das 7 Gesellschaften und 11 Betriebsleiter. Großteils als Folge des Brexit entstehen jetzt auch viel mehr Zweigniederlassungen von Gesellschaften nach Luxemburger Recht im Ausland: 59 waren das 2018, 17 im er­sten Halbjahr 2019. Es sind dies großteils bestehende Filialen, die früher zur britischen Niederlassung gehörten und die nun an die neue Luxemburger Gesellschaft angehängt werden. Es ist folglich für 2019 und die Folgejahre eine Explosion der Bilanzsummen zu erwarten, wobei das aber nur teilweise dem Staat mehr Steuern ins Budget bringt: Filialen haben nämlich dort Steuern abzuführen, wo sie niedergelassen sind im Ausland.

2018 wuchs die Bilanzsumme aller Versicherungsgesellschaften nur um 2,6% auf 241 Mrd. Bei der Rückversicherung war der Zuwachs mit 0,9% auf 43 Mrd. bescheiden, was darauf zurückzuführen ist, daß das Prämienniveau in diesem Bereich immer noch sehr niedrig ist. Bei der Lebensversicherung ging es um 2,2 Prozent auf 183 Milliarden hinauf.
Um 13,8 Prozent wuchs der Nicht-Lebensbereich auf 15 Milliarden. Dieser Zuwachs ist jenem Brexit-Flüchtling zuzurechnen, der 2017 nach Luxemburg kam und 2018 die Arbeit aufnahm. Bei den Prämieneinnahmen machte das einen Zuwachs in diesem Bereich von 22,3 Prozent auf 5 Milliarden aus, und genau hier ist in den nächsten Jahren eine regelrechte Explosion zu erwarten.

Bei der Rückversicherung gingen die Prämieneinnahmen um 2,5% auf 10 Milliarden zurück, während in der Lebensversicherung +2,5% auf 24 Milliarden verzeichnet wurden.

Die Zahl der Rückversicherungsfirmen ging übrigens 2018 von 204 auf 198 zurück, während die Versicherungsunternehmen nach Luxemburger Recht von 76 auf 82 zulegten. Mit den 14 ausländischen Filialen macht das dann insgesamt wie im Jahr davor 294 Betriebe mit 8.034 Beschäftigten, 321 mehr als 2017.

Papa Staat erhielt 203 Mio. Steuern, 13,5% weniger als 2017. Davon waren 7 Mio. (+6,8%) für den Brandschutz und 3 Mio. (+30,7%) für die Rettungsdienste. Daß die Ergebnisse 2018 schlechter als 2017 sind wird damit erklärt, daß letzteres ein außergewöhnlich gutes Jahr war, während das Ergebnis 2018 vor allem durch eine große Firma heruntergezogen wird, die im Ausland enorm aufbaut und deswegen ein Anlaufdefizit ausweist.

Obwohl das Versicherungskommissariat viel kontrollierte, gab es nur sehr wenige Sanktionen und Geldstrafen. Gab es Strafen, so waren sie meist im Zusammenhang mit den Vorschriften gegen das Weißwaschen von Geld. Der Platz scheint also sauber zu sein und regelkonform zu arbeiten. Das ist auch daran zu sehen, daß die Gesellschaften die neue Vorschrift einer Zulassung für beratend Tätige regelrecht übererfüllen.
Auch was die geforderte Kapitaldeckung anlangt, so liegen alle in Luxemburg bestehenden Firmen weit über dem Mindesterfordernis, wobei es 2018 sogar noch besser wurde als im Vorjahr. Niemand mußte auf Übergangsmaßnahmen zurückgreifen
Das ist eine gute Reklame für den Platz, und die greift offensichtlich auch, denn nur 8,6% aller Prämien kommen aus Luxemburg, der große Rest ist Auslandsgeschäft. Bei den Lebensversicherungen war das kleine Luxemburg 2018 auf dem 8. »europäischen« Rang und auf dem 19. weltweit (2017: Rang 10 und 21). Bei den Nichtlebensversicherungen wurde »europäisch« der 17. und weltweit der 44. Rang erreicht (2017: Rang 20 und 43). In dieser Kategorie wird es große Sprünge nach vorn geben in nächster Zeit mit den Brexit-Auswirkungen. Denn im ersten Trimester 2019 setzte es bei den Lebensversicherungen 7% mehr als im gleichen Zeitraum 2018, während es im Nichtlebensbereich eine Verdreifachung der Prämieneinnahmen gab.
Wobei »europäisch« hier nicht den Kontinent meint, sondern die EU mit Island, Liechtenstein und Norwegen.

Was die von Luxemburger Normalsterblichen versicherten Risiken angeht, so ist die Auto-Kasko das schlechteste Geschäft für die Versicherungen, da sie da im Durchschnitt 99,61% der Prämien für Schadenszahlungen und Verwaltung aufwendeten. Bei der Autohaftpflicht sind es 95,93%, bei der Feuerversicherung, wo es ein paar große Brände gab, sind es 94,89% und bei der allgemeinen Haftpflicht 81,8%.

jmj

Montag 15. Juli 2019