Prestigeprojekt nicht alltagstauglich:

Vel‘OH zu wenig robust

Die Umstellung in der Hauptstadt aufs batteriegestützte Fahrradverleihsystem mit elektrischem Hilfsmotor stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Das hochgelobte Prestigeprojekt mit dem ersten und immer noch einzigen voll elektrifizierten Fahrradleihsystem weltweit hatte zunächst im Winter große Anlaufschwierigkeiten: Feuchtigkeit und Kälte setzten ihm bis zur Gebrauchsunfähigkeit zu.

Jetzt ist Sommer und es ist reichlich trocken. Die Klagen sind nun andere, aber sie sind nicht weniger geworden. Allzu oft ist an den wichtigsten Stationen kein Leihfahrrad zu kriegen, denn die, die gerade dort stehen, sind nicht geladen. Wenn denn überhaupt welche da stehen!

Die Betreiberfirma – der Schöffenrat der Stadt Luxemburg läßt entsprechend der neoliberalen Ideologie alles durch Betriebe durchführen und macht ja nichts selbst mit städtischen Angestellten – klagt über »Vandalismus«. Das ist ein schöneres Wort als Umschreibung für die Tatsache, daß das System sich im Alltag als zu wenig robust erweist, im Gegensatz zum Vorgängermodell, das der alte Herr Decaux als »das größte Freiluft-Fitnesszentrum des Landes« beworben hatte.

Fitness ist beim elektrischen Hilfsmotor keine mehr erfordert, ebenso wird niemand damit Muskelaufbau erreichen. Gelegenheit zum Ärger gibt es aber haufenweise, was weder gut für den Kreislauf noch für den Magen-Darm-Trakt ist.

Die zu geringe Robustheit des Systems führt nämlich zum Ausfall zu vieler Fahrräder. Dies nicht immer, wenn wie bei unserem Bild, ein Zeitgenosse aus lauter Wut kein Fahrrad an der nun schon dritten angesteuerten Station zu kriegen, etwas zu fest an einem reißt – und dann tatsächlich eines in den Händen hält, wenn auch mit der Andockvorrichtung und allen Anschlußkabeln. So etwas müßte völlig unmöglich sein, ist es aber keineswegs, wie wir sehen.

Viele Fahrräder fallen auch beschädigt aus, weil etliche des Fahrradfahrens wenig Fähige im Irrglauben, nach dem Bezahlen von 18 € gehöre ihnen wenn nicht die Welt, so zumindest die Hauptstadt, irgendwo dagegenknallen. So lange das nur Mauern und sonstiges »mobilier urbain« ist, gibt es zumindest keine weiteren Geschädigten. Das kann natürlich unter Vandalismus abgeheftet werden, fahren doch viele wie Krieger des Stamms der Vandalen, die zu ihrer Hochzeit gute Reiter waren, aber absolut keine Vorahnung übers Fahrradfahren hatten.

Während Leute, die sich selbst ein Elektrofahrrad gekauft haben, im Wissen um dessen stolzen Preis noch eine gewisse defensive Fahrweise bei aller sonstigen Unfähigkeit im Stadtverkehr an den Tag legen, fehlt das vielen Vel‘OH-Abonnenten völlig. Und so haben wir den Schlamassel, daß die Gesitteten gar oft trotz Abonnement leer ausgehen, weil hat viel zu viele Räder von viel zu wenig Personal repariert werden müssen.

Ob die Firma Decaux noch glücklich ist, diese Ausschreibung gewonnen zu haben? Wahrscheinlich nicht. Dem Schöffenrat sind die Probleme aber ziemlich egal, denn die Neoliberalen vom Dienst sind sich selbstredend keiner Schuld bewußt. Reklame für die Hauptstadt ist das Ganze jedoch inzwischen gar keine mehr, umso mehr überhaupt nicht absehbar ist, wie das System alltagstauglich gemacht werden könnte!

jmj

Sachen gibt‘s, die gar nicht geplant waren, wie dieses Leihfahrrad mit abgerissener Andockvorrichtung (siehe links in der Mitte des Bilde die Reste der Kabel, mit denen die Andockvorrichtung befestigt war), weil das Ganze viel zu wenig robust für den Alltag ist. (Foto: ZLV)

Dienstag 16. Juli 2019