Unser Leitartikel:
Beispiellose Klimakrise

Wer sich mit der Klimakrise beschäftigt, stößt schnell auf das Argument, Klimaschwankungen habe es doch schon früher gegeben, die Erwärmung sei nichts Alarmierendes, sondern nur eine natürliche Erscheinung, vergleichbar mit der Kleinen Eiszeit oder mit der Mittelalterlichen Klima-Anomalie, die auf der Nordhalbkugel zwischen 950 und 1250 eine Warmzeit war. Doch Wissenschaftler um Raphael Neukom vom Zentrum für Klimaforschung an der Universität Bern haben nun in der naturwissenschaftlichen Zeitschrift »Nature« auf einen erheblichen Unterschied hingewiesen: Warm- oder Kaltzeiten gab es in den vergangenen 2.000 Jahren nur ein einziges Mal auf der ganzen Welt gleichzeitig – und zwar in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Wissenschaftler aus vielen Ländern nutzten unter anderem die riesige Datensammlung des Netzwerks PAGES 2k, die zwei Jahrtausende umfaßt. Hierbei wurden Temperaturveränderungen an Land zum Beispiel anhand der Stärke und Holzdichte von Jahresringen in Bäumen ermittelt, Veränderungen der Meerwassertemperatur beispielsweise anhand des Wachstumstempos von Korallenstöcken. Ihr Ergebnis lautet: Bis auf die aktuelle Klimaerwärmung wurden keine Hinweise auf kalte oder warme Phasen gefunden, die auf dem ganzen Globus gleichzeitig stattfanden.

Während der Kleinen Eiszeit von Anfang des 15. bis ins 19. Jahrhundert hinein herrschten hingegen in unterschiedlichen Erdteilen auch unterschiedliche Klimabedingungen vor. Demnach gab es die tiefsten Temperaturen im 15. Jahrhundert im Zentral- und Ostpazifik, im 17. Jahrhundert dann im Nordwesten Europas und dem südöstlichen Nordamerika und im 19. Jahrhundert dann in anderen Weltregionen.
Im Gegensatz dazu habe im 20. Jahrhundert die wärmste Periode der vergangenen zwei Jahrtausende auf 98 Prozent der Erde stattgefunden, schreiben die Forscher. »Das ist ein starker Hinweis, daß die von Menschen verursachte globale Erwärmung beispiellos ist – nicht nur, was die absoluten Temperaturen angeht, sondern auch, was die räumliche Konsistenz im Kontext der vergangenen 2.000 Jahre angeht.«

In einem Begleitkommentar zu Neukoms Artikel weist der Geographieprofessor Scott George von der University of Minnesota auf die Grenzen der Temperaturdaten der vergangenen 2.000 Jahre hin. Manchmal sei es schwer, historische Kalt- und Warmphasen miteinander zu vergleichen, weil zum Beispiel Jahresringe in Bäumen einen sehr langsamen Klimawandel, der sich über Jahrhunderte hinzieht, nicht zuverlässig darstellen könnten.

Er resümiert dennoch: »Die gängige Maxime, daß das Klima sich immer ändert, stimmt mit Sicherheit. Aber selbst, wenn wir in unserer Perspektive bis in die frühen Tage der Römischen Kaiserzeit zurückgehen, können wir kein Ereignis erkennen, daß in Grad oder Ausmaß der Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte auch nur annähernd entspricht.« Das heutige Klima hebe sich »in seiner heißen weltweiten Synchronie« vom bisher Dagewesenen ab.

Eine andere Studie, die in »Nature Geoscience« veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluß, daß sich Temperaturschwankungen in der vorindustriellen Zeit zu einem bedeutenden Teil auf vulkanische Aktivitäten zurückführen lassen. Auch hier heißt es, einen so schnellen Temperaturanstieg wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe es nie zuvor gegeben.

Bisher waren Klimaveränderungen stets auf bestimmte Weltgegenden beschränkt, während der Ausstoß von Treibhausgasen durch menschliche Aktivitäten weltweit stattfindet und also auch weltweit reduziert werden muß. Heute, nicht morgen.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 31. Juli 2019