Unser Leitartikel:
Psychokrieg am Arbeitsplatz

Die meiste Zeit seines Lebens verbringt der lohnabhängig Angestellte an seinem Arbeitsplatz. Ein zeitlich sehr großer Teil des Lebens also, in welchem keine oder nur eine sehr begrenzte Möglichkeit besteht, unliebsamen oder gar feindseligen Mitmenschen aus dem Weg zu gehen, wie dies im privaten Bereich der Fall ist.

Dies führt mit sich, daß diese Menschen sich aufgrund der Notwendigkeit des Lohnerwerbs in eine auch räumliche Abhängigkeit begeben, in welcher sie auf Gedeih und Verderb der Personalkonstellation ausgeliefert sind. Daß es in diesem Zusammenhang immer häufiger zu Spannungen kommt, zeigte erneut eine rezente Erhebung der Salariatskammer, nach welcher im vergangenen Jahr mehr als 18 Prozent der Lohnabhängigen in Luxemburg bereits von Mobbing betroffen waren, ein Anstieg um sechs Prozent gegenüber 2014 und sicher noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.

Denn noch immer gilt Mobbing am Arbeitsplatz, insbesondere auf Patronatsseite, als Kavaliersdelikt oder es wird aus Angst vor zusätzlichen Kosten nichts unternommen. Es geht schließlich um das Produkt und nicht um innerbetrieblichen »Humbug«, wie etwa Work-Live-Balance oder Arbeitsklima. Die Leute sollen sich ja nicht wohlfühlen, sondern arbeiten, meint man den Tenor herauszuhören.

Insgesamt wurde die Mobbing asbl. im vergangenen Jahr mehr als 450 Mal kontaktiert. Eine erste Anlaufstelle für Mobbingopfer. Letztere haben aber bisher keinen guten Stand, müssen sie doch, im Falle, wo sie den Mut haben, sich zu wehren, mit negativen Konsequenzen sowohl seitens des Täters oder der Täter, als auch von Seiten der Betriebsleitung rechnen, wo sie nicht selten als »Querulant« in Ungnade fallen.

Dabei muß es gar nicht erst zum Mobbing kommen, damit es für einen Betrieb viel teurer wird als im Falle einer Einführung von Präventivmaßnahmen finanziell befürchtet: In schöner Regelmäßigkeit rechnen Fachleute der Wirtschaft vor, daß ein vernachlässigtes Betriebsklima krank macht und damit die Zahl der Personalausfälle in die Höhe treibt. Von Kopfschmerzen und Bluthochdruck bis hin zu Stimmungsschwankungen und psychischen Erkrankungen reicht die Palette der Folgeschäden. Brechen Angestellte unter der psychischen Last zusammen und sind krankgeschrieben, hagelt es von Seiten der Betriebe oftmals nur Vorwürfe des »Absentismus«. Ein menschenverachtendes Wortgebilde.

»Burnout« wird immer häufiger als Ausrede für Faulheit angesehen. Dabei hat die WHO rezent eben dieses Krankheitsbild als genau definiertes Symptom im Klassifikationssystem der Krankheiten anerkannt. In der Beschreibung dazu ist die Rede von einer Erschöpfung, verringertem Leistungsvermögen sowie einer zunehmenden geistigen Distanz und negativen Haltung zum Job.

Es wird höchste Zeit, daß auch hierzulande ein entsprechendes Gesetz kommt, welches den Opfern von psychischen Konflikten am Arbeitsplatz den Rücken stärkt, damit diese nicht, wie bisher, in der Beweisbringschuld sind und über ihren Streß hinaus noch monatelang Tagebuch über die Ausfälle ihnen gegenüber führen müssen. Betriebe müssen mehr in die Verantwortung gezogen werden, auf das Arbeitsklima und soziale Gerechtigkeit am Arbeitsplatz zu achten und nicht nur auf das, was als Produkt hinten herausspringt, sei es im Dienstleistungssektor oder in der Industrie.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 1. August 2019