Unser Leitartikel:
Die Gun Show geht weiter

Nach den beiden »Mass Shootings« in einem Einkaufszentrum in El Paso, Texas und auf offener Straße in Dayton, Ohio, wo zwei junge weiße Männer am Wochenende mindestens 31 Menschen mit Sturmgewehren töteten und 53 verletzten, wird in den USA mal wieder über »schärfere Waffengesetze« nachgedacht. Nun hieß es, auch Mike DeWine, der von der Republikanischen Partei gestellte Gouverneur von Ohio, fordere die Ausweitung der Regelung, wonach die Behörden Schußwaffen vorübergehend entziehen können, wenn der Waffenbesitzer von einem Richter als gefährlich eingestuft wurde.

Solche sogenannten »Red-Flag«-Gesetze, die es der Polizei oder Angehörigen ermöglichen, einen richterlichen Antrag auf die Entfernung von Waffen von mutmaßlichen Gefährdern zu stellen, gibt es bereits in 17 vorwiegend liberal regierten USA-Bundesstaaten – jedoch ohne spürbaren Erfolg.

Daß auch die nun ebenfalls wieder geforderten Hintergrundchecks bei Waffenkäufen nicht besonders vielversprechend sind, zeigt schon die Tatsache, daß Connor Betts, der 24-jährige Todesschütze von Dayton, legal ein Schnellfeuergewehr erwerben konnte und auch einen Hintergrundcheck des FBI problemlos absolvieren konnte, obwohl er mit 17 Jahren gedroht hatte, Mitschüler zu vergewaltigen oder zu töten und deshalb zeitweise von seiner High School suspendiert worden war.

Auch ist es kein Problem, jene kugelsichere Weste, die Betts bei seinem Amoklauf in einem beliebten Barviertel von Dayton trug, in allen 50 Bundesstaaten legal zu kaufen. Und schließlich ist es in den USA auch leicht, sich ohne den Weg in ein Waffengeschäft ein Sturmgewehr zu beschaffen – wie beispielsweise bei den beliebten »Gun Shows«.
Wären die »Mass Shootings« in El Paso und Dayton nicht innerhalb von 24 Stunden geschehen, hätte sich wahrscheinlich gar nichts getan. So wie am Dienstag vergangener Woche, als zwei Menschen in einem Supermarkt im Bundesstaat Mississippi durch Schüsse umgebracht wurden. Oder am Sonntag vor acht Tagen, als ein 19-Jähriger in Gilroy, Kalifornien drei Menschen bei einem Amoklauf getötet hat.

Solche Meldungen gehören in den USA längst zum Alltag. Mal werden Einkaufsmärkte zum Tatort, mal Schulen, Kinos oder Parks. Die NRA, die mächtige Waffenlobbyorganisation, die bereits für Trumps Präsidentschaftswahlkampf 2016 zehn Millionen Dollar zahlte, attackiert jeden, der den Besitz und Erwerb von Waffen stärker kontrollieren will.

Nach einem Massaker an einer Schule in Parkland, Florida im Februar vergangenen Jahres, bei dem ein früherer Schüler 17 Menschen erschossen hatte, formierten sich landesweite Schülerproteste. Ende März gingen in über 700 Städten der USA mehr als eine Million Menschen auf die Straße, um für striktere Waffengesetze zu demonstrieren.
In Washington versammelten sie sich vor dem Weißen Haus. »Wir marschieren für unser Leben!«, »Wir werden die Veränderung sein!« oder »Wenn Waffen nicht sterben, sterben Kinder« hieß es auf Plakaten. Doch die so hoffnungsvoll begonnenen Schülerproteste versiegten angesichts der mächtigen Gegenwehr der NRA weitgehend.

Solange die gewaltigen Waffenarsenale in den USA nicht geräumt werden, spricht die Statistik dafür, daß die Gun Show ungebremst weitergeht: 30 Prozent der USA-Bürger besitzen mindestens eine Schußwaffe, 40 Prozent leben in einem Haushalt, in dem es Schußwaffen gibt. Rund die Hälfte der weißen Männer besitzt eine Waffe. Bei nichtweißen Männern und Frauen ist es ein Viertel. Wenn die Eltern Waffen haben, schießen Mädchen durchschnittlich mit 17 zum ersten Mal selbst, Jungen mit zwölf Jahren. Jedes Jahr gibt es in den USA mehr als 30.000 Tote durch Schußwaffengewalt.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 7. August 2019