Soziale Ungleichheiten in Luxemburg (1)

Die ungerechte Einkommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit ist die Hauptursache für soziale Ungleichheiten

Die Studie »Sozialpanorama 2019« der »Chambre des salariés« wurde im April 2019 mitten im Wahlkampf zum EU-Parlament veröffentlicht und fand nicht die erforderliche Aufmerksamkeit, weshalb wir nun in mehreren Beiträgen, die in loser Folge erscheinen werden, darauf zurückkommen.

Wenn von Ungleichheiten gesprochen wird, wird sich oft auf Einkommen der Haushalte und Löhne bezogen. Aber die er­ste Quelle der sozialen Ungleichheiten rührt her von der primären Einkommensverteilung zwischen jenen, die Kapital besitzen und daraus ihr Einkommen beziehen und jenen, deren einziges Einkommen aus ihrer Lohnarbeit stammt. Das hält die »Chambre des salariés« in ihrem »Sozialpanorama 2019« fest.
Die Aneignung eines großen Teils des geschaffenen Mehrwerts durch das Kapital ist nur möglich, weil die Kapitalbesitzer am längeren Hebel sitzen.

Die Lohnabhängigen sind hingegen gezwungen – unabhängig davon, ob sie nun im »Schaffkostüm« arbeiten oder mit Anzug, Krawatte und in Turnschuhen zu Arbeit erscheinen –, dem Kapitalbesitzer ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie bestreiten zu können.

Das ist der eigentliche Grund dafür, dass in einer Welt, in der die Produktion einen gesellschaftlichen Charakter hat, die Aneignung der Produktionsergebnisse aber in privatkapitalistischer Form erfolgt, der geschaffene Reichtum bei der primären Einkommensverteilung ungerecht verteilt wird.

Das Kapital, das eine kleine Minderheit in der Gesellschaft ist, kann sich einen großen Teil des geschaffenen Mehrwerts aneignen, wofür der Staat, der in dieser Auseinadersetzung zwischen Kapital und Arbeit nicht neutral ist, Garant ist.

Die »Chambre des salariés« hat berechnet, dass der Anteil der Wertschöpfung, der 2018 in Luxemburg an die Arbeit ging, 59,2 Prozent betrug. Das ist unter dem EU-Durchschnitt und deutlich weniger als in Deutschland (62,5 Prozent), Frankreich (65,2 Prozent) und Belgien (66,5 Prozent), was heißt, dass das hiesige Kapital sich einen höheren Anteil an der Wertschöpfung aneignet, und die Ausbeutung der Arbeitskraft in Luxemburg höher ist als in unseren Nachbarländern.

Nur wenn man den Finanzbereich nicht berücksichtigt, ist der Anteil der Arbeit an der Wertschöpfung in Luxemburg höher als im EU-Durchschnitt. Allerdings stagniert er seit dem Beginn dieses Jahrhunderts, sieht man einmal von der Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2007 ab.

Was aber ist zu tun, damit die sozialen Ungerechtigkeiten, die von der primären Einkommensverteilung herrühren, überwunden werden können, statt dass sie sich immer wieder reproduzieren?

Die erste Voraussetzung dafür ist, dass die Lohnabhängigen solidarisch sind und dem Kapital in Arbeits- und Lohnkämpfen, zum Beispiel bei der Erneuerung von Kollektivverträgen, Zugeständnisse abtrotzen und diese dann über lange Zeit mit Erfolg verteidigen.

Dazu beitragen kann auch – und da sind wir dann bereits auf der Ebene, welche die Salariatskammer die sekundäre Einkommensverteilung nennen würde – Gesetze durchzusetzen, die vorteilhafter für die Lohnabhängigen sind und bestehende soziale Ungerechtigkeiten auf Kosten des Kapitals einschränken würden, indem Gelder aus der primären Verteilung abgeschöpft würden, zum Beispiel über eine strukturelle Erhöhung des Mindestlohnes oder höhere Kapitalsteuern, und dann zugunsten der Lohnabhängigen umverteilt würden.

Schließlich gibt es eine dritte Möglichkeit, die allerdings einen Eingriff in die bestehenden Besitzverhältnisse notwendig macht und, wie das die Kommunisten vertreten, die Vergesellschaftung von Großbetrieben und Banken zum Ziel hat, so dass der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit aufgehoben wird.

A.R.

Die Entwicklung des Lohnanteils an der Bruttowertschöpfung zwischen 2000 und 2017

Samstag 10. August 2019