In Saint-Raphaël kann es »perlen wie die Glitzer«

Ein Museum für den Volksschauspieler Louis de Funès

In der eleganten Küstenstadt Saint-Raphaël an der Côte d’Azur wurde am 29. Juli, seinem 105. Geburtstag, ein Museum für den auch heute noch überaus populären Schauspieler Louis de Funès eröffnet. Warum ausgerechnet Saint-Raphaël? »Wir waren die einzigen, die auf das Angebot der Familie, für ein solches Projekt ihr Archiv bereitzustellen, sofort positiv reagiert haben«, erklärte Bürgermeister Frédéric Masquelier. »Wir liegen auf halber Strecke zwischen der Filmfe­stivalstadt Cannes und Saint-Tropez, das durch die Gendarmen-Filme von Louis de Funès weltberühmt geworden ist.« Außerdem wurden einige Szenen von Filmen wie »Le Corniaud« oder »Le gendarme et le gendarmettes« in Saint-Raphaël gedreht.

»Wir haben eine doppelte Ambition«, sagt der Bürgermeister. »Wir wollen dazu beitragen, die Persönlichkeit von Louis de Funès, seinen Werdegang und sein Werk bekannt zu machen und mit diesem Museum gleichzeitig die Attraktivität von Saint-Raphaël für die Touristen aus dem In- und Ausland zu erhöhen.« Das hat sich die Stadt einiges kosten lassen. Das Ergebnis ist ein Museum, das zugleich informativ und unterhaltsam ist und das sehr professionell gestaltet wurde. Dafür konnte der international bekannte und vielfach ausgezeichnete Filmdekorateur und Ausstellungsszenograf Christian Marti gewonnen werden.

Das Ergebnis hebt sich deutlich von dem liebevoll, aber doch etwas amateurhaft von einem Fan-Verein zusammengestellten und betriebenen Funès-Museum ab, das es schon einmal zwischen 2013 und 2016 gab. Es befand sich in einem Nebengebäude des Wohnsitzes der Familie Funès in Le Cellier bei Nantes und zählte in knapp vier Jahren beachtliche 70.000 Besucher, mußte aber schließen, weil das Gebäude von den neuen Besitzern verkauft wurde und dem Verein die Mittel fehlten, es zu erwerben.
»In Saint-Raphaël gehen wir von jährlich mindestens 40.000 Besuchern aus«, ist sich Bürgermeister Masquelier sicher. Das ist keinesfalls zu hoch gegriffen angesichts der jährlich 160.000 Besucher, die das schon etwas verstaubt wirkende Museum der Gendarmerie in Saint-Tropez zählt und wo in dem durch die Funès-Filme bekannt gewordenen ehemaligen Dienstgebäude der (echten) Gendarmen auch gleich die jahrhundertealte Geschichte der »Gens d’armes« nachgezeichnet wird.

Eine ganze Etage ist hier auch der Rolle von Saint-Tropez in zahlreichen französischen Filmen vorbehalten, wobei natürlich Brigitte Bardot nicht fehlen darf, die hier seit den 1960er Jahren völlig zurückgezogen in einer kleinen Ville am Strand lebt.
Das Funès-Museum in Saint-Raphaël wurde von Clémentine Deroudille konzipiert, die schon durch sehr erfolgreiche Ausstellungen in der Pariser Cité de la Musique für die Sänger Georges Brassens und Barbara sowie durch eine Ausstellung und einen Dokumentarfilm über ihren Großvater, den Fotografen Robert Doisneau, auf sich aufmerksam gemacht hat. Von ihr stammen auch die kurzen, aber sehr informativen Texte im Museum und im reich illu­strierten Katalog (Editions Flammarion ISBN 9782081490963 Preis 25 Euro).

Die für das Museum zur Verfügung gestellten 400 Quadratmeter im Erdgeschoß eines Neubaus im Stadtzentrum wurden geschickt so aufgeteilt, daß der Besucher im Zick-Zack-Kurs durch unterschiedlich breite und große Gänge und Räume wie durch das Leben und Werk von Louis de Funès spaziert. Mehr als 500 Fotos, Plakate, Briefe und persönliche Erinnerungsstücke hat die Familie zur Verfügung gestellt. So kann man Kindheit und Jugend des 1914 in der Familie verarmter spanischer Kleinadliger und Einwanderer geborenen Louis Germain David de Funès de Galarza verfolgen, der vom 5. Lebensjahr an von der Mutter Klavierunterricht bekam und der nach der Schule zunächst eine Lehre als Kürschner und dann als Fotograf begann, aber zeitweise auch als Verkäufer, Lagerarbeiter, Buchhalter oder Zeichner und Dekorateur gearbeitet hat.
Dann hat er viele Jahre lang seinen Lebensunterhalt als Barpianist in verschiedenen Pariser Hotels und Nachtlokalen verdient. Dadurch kam er in Kontakt mit Künstlern der Theater- und Filmszene, die ihm gelegentlich kleine Nebenrollen auf der Bühne und ab 1945 auch im Film anboten. 1941/42 nahm er kurzzeitig Schauspielunterricht in der Theaterschule Simon, wo er Jeanne-Augustine Barthélémy de Maupassant kennenlernte, die dort als Sekretärin arbeitete. Er heiratete die Großnichte des Schriftstellers Guy de Maupassant und führte mit ihr bis zu seinem Tod 1983 eine glückliche Ehe.

Seit dem Kriegsende hat Louis de Funès in etwa 40 Filmen in Nebenrollen mitgewirkt. Mehr oder weniger oft fiel er dabei durch seine unnachahmliche Mimik und seine hektischen Gebärden auf. Nach der Premiere 1956 von »La traversée de Paris« mit Jean Gabin und Fernandel in den Hauptrollen schrieb der Filmkritiker und spätere Regisseur François Truffaut: »Louis de Funès ist großartig. Den Namen muß man sich merken.«

Diese langen Jahre unterhalb der Schwelle des künstlerischen und auch materiellen Erfolgs werden im Museum durch einen schmalen dunklen Gang nachgestellt, mit Fotos und Texten zu den verschiedenen Film sowie Bildschirmen mit kurzen Szenenausschnitten und Telefonen, mit denen man Fragen anwählen kann und die entsprechenden Antworten aus Interviews hört. Dann öffnet sich der Gang zu einem größeren hellen Raum, der den Filmen »Le Gendarm de Saint-Tropez«, »Fantômas« und »Le Corniaud« vorbehalten ist, die Louis de Funes 1964 innerhalb weniger Monate gedreht hat, in denen er endlich die Hauptrolle spielte und die für ihn den Durchbruch brachten. Da war er schon 50.

In den folgenden 20 Jahren spielte er in schneller Folge, und wie um die verlorenen Jahre aufzuholen, in mehr als 60 Filmen, von denen die meisten großen Erfolg hatten. Besonders gut kam die Serie der Gendarmen-Filme an, von denen insgesamt sieben gedreht wurden, der letzte noch kurz vor seinem Tod. Die von ihm dargestellten Typen waren oft, so brachte es ein Kritiker auf den Punkt, »unausstehlich, aber nicht unsympathisch«.

Ein absoluter Höhepunkt war »La Grande Vadrouille«. Hier spielte er einen Operndirigenten, der im Zweiten Weltkrieg unfreiwillig in die Hilfe für abgeschossene englische Piloten verwickelt wird und mit ihnen und seinem Partner Bourvil quer durchs besetzte Frankreich zieht und viele Abenteuer zu bestehen hat. Mit fast 18 Millionen Zuschauern im Kino und vielen Millionen vor dem Fernseher war das zwischen 1966 und 2008 der mit Abstand erfolgreichste französische Film. Bei den Dreharbeiten zeigte sich sein Drang nach Perfektion, denn er nahm wochenlang Unterricht im Dirigieren und war damit bei den Dreharbeiten so überzeugend, daß die Musiker des Orchesters spontan applaudierten.

Eine herausragende Rolle unter seinen Erfolgsfilmen spielte auch »Rabbi Jacob«. Hier wurde deutlich, daß Louis de Funès nicht nur ein unterhaltsamer Komiker war, sondern auch subtil politisch Stellung beziehen konnte – hier gegen Rassismus und für die Verständigung zwischen Juden und Arabern. Ein Höhepunkt war auch die Verfilmung des Theaterstücks »Oscar«, mit dem Louis de Funès zuvor schon seinen größten Bühnenerfolg hatte. Immer wieder spielte er neben den Filmarbeiten Theater.
Doch mit diesen vielfältigen Aktivitäten hat er sich wohl übernommen. Nach der 198. Vorstellung des Stücks »La Valse des toréadors« von Jean Anouilh hatte er im März 1974 einen Herzinfarkt und eine Woche darauf einen zweiten. »Für mich war es wie eine Erleichterung, daß mir die Ärzte das Schauspielern verboten«, sagte er später. Er zog sich auf das Familienschloß Clermont in Le Cellier bei Nantes zurück, das er 1967 nach dem Tod einer Tante aus der Familie de Maupassant den Erben abgekauft und seiner Frau geschenkt hatte. Jetzt konnte er sich ganz seiner geliebten Zucht von Rosen widmen. Im Museum geht man bei diesem Lebensabschnitt durch ein Spalier mit künstlichen Rosen.

Doch 1976 konnte er den verlockenden Angeboten anspruchsvoller Hauptrollen beispielsweise im Film »L’Aile ou la Cuisse« nicht widerstehen und begann wieder zu drehen, allerdings deutlich ruhiger und mehr mit Mimik statt der früheren explosionsartigen Hektik. Die Versicherungen bestanden darauf, daß er nicht mehr als drei Stunden täglich arbeitete und daß ein Arzt und ein Krankenwagen am Drehort waren. Sechs Filme drehte Louis de Funès in dieser letzten Phase seines Lebens. Dabei erfüllte er sich auch einen lange gehegten Wunsch und spielte in eigener Regie die Hauptrolle in einem Film nach Molières Stück »L’Avare«. Daß der Streifen wirtschaftlich eher ein Flop war, störte ihn wenig, er war glücklich über das Ergebnis. Im Januar 1983 ereilte ihn auf Schloß Clermont sein dritter Herzinfarkt, an dessen Folgen er drei Tage später starb.

Seine Enkelin Julia de Funès, die bei der Eröffnung des Museums in Saint-Raphaël die Familie vertrat, ist überzeugt, daß der anhaltende Erfolg ihres Großvaters, an den sie sich noch gut erinnert, in seinem Professionalismus liegt. »Viel Komikertalent hat er von seiner sehr temperamentvollen Mutter mitbekommen. Seine beruflichen Vorbilder waren Stummfilmstars wie Charlie Chaplin, der wie er hart um Perfektion gerungen hat. Das Ergebnis sind Filme, die auch heute, nach Jahrzehnten, nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Und da sie oft im Fernsehen wiederholt werden, finden sie auch unter den jungen Zuschauern, die bei seinem Tod noch nicht geboren waren, immer neue Fans.«

Für 24,8 Prozet der Franzosen ist er der beliebteste Schauspieler des Landes vor Lino Ventura (22,7%) und Jean Reno (20,4%). Seine Filme haben im Inland 300 Millionen Menschen im Kino und eine um das Vielfache größere Zahl im Fernsehen gesehen. Viele seiner Streifen seien regelrechte Kultfilme geworden und einige Dialoge oder Bonmots (»Das muß perlen wie die Glitzer«) gingen in die Umgangssprache ein.

Julia de Funès beobachtet auch einen Wandel in der Haltung der »seriösen« Filmschaffenden und der wissenschaftlichen Filmkritik zu Louis de Funès, den sie über viele Jahre als inhaltlich seichten und auf Effekte ausgerichteten Komiker abtaten. »In letzter Zeit beginnen sie ihn ernster zu nehmen«, meint sie, »und seinen beispiellosen Publikumserfolg nicht mehr nur naserümpfend zu verfolgen, sondern auch zu hinterfragen.« Davon zeuge, daß sogar die Pariser Cinémathèque 2020 eine Louis-de-Funès-Retrospektive und parallel dazu eine Ausstellung zeigen wird.

Ralf Klingsieck, Paris

Das Museum in Saint-Raphaël an der Côte d’Azur (Fotos: Ralf Klingsieck)

Donnerstag 22. August 2019