Maigret-Erfinder und Weltreisender

30. Todestag von Georges Simenon

Neue Bücher, neuer Film und Events weltweit, angefangen von seiner Geburtsstadt Liège bis nach Vietnam: Der Schriftsteller Georges Simenon ist 30 Jahre nach seinem Tod noch lange nicht vergessen.

An der Place Vintimille nahe dem Pariser Vergnügungsviertel Montmartre wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Todesursache: Ein Schlag mit einem schweren Gegenstand. Georges Simenon hat den Kriminalroman »Maigret und die junge Tote« im Jahr 1954 geschrieben. Der französische Regisseur Patrice Leconte will die Geschichte auf die Leinwand bringen – mit Gérard Depardieu als Kommissar Maigret, wie der Sohn des Schriftstellers John Simenon der Deutschen Presse-Agentur sagte. Die Dreharbeiten sollen Ende 2019 beginnen.

Er mache sich derzeit keine Sorgen, daß man seinen Vater vergessen werde, erzählte John Simenon weiter. Zu Recht: Dieses Jahr wird mit zahlreichen Bücher-Neuausgaben und Simenon-Events nicht nur der 30. Todestag des Bestsellerautors gewürdigt, der am 4. September 1989 in Lausanne starb. Vor ungefähr 90 Jahren ist mit »Maigret und Pietr der Lette« das erste offizielle Abenteuer seines Pfeife rauchenden, gemächlich wirkenden Kommissars Jules Maigret erschienen.

Die Werke seines Vaters seien nicht überholt, sagte der 70 Jahre alte Sohn, der dessen literarisches Erbe verwaltet. Und begründet warum. »Die topographischen Beschreibungen der Orte sind keine detaillierten Ausführungen, sondern eher impressionistische Schilderungen«, erzählte er. Seinem Vater sei es um die Stimmung gegangen, um die Psychologie der Figuren und menschliche Regungen.
Und das spürt der Leser heute noch. John ist eines der vier Kinder des Romanciers.
Zudem existierten viele Schauplätze noch, die ihn inspirierten. Dazu gehört auch die Stadt Liège in Belgien. Dort wurde Simenon am 13. Februar 1903 geboren. Sie habe seine Schriftstellerei mitgeprägt, denn dort habe er Kindheit und Jugend verbracht, wie John Simenon sagte. Als Erinnerung richtete die Stadt den Parcours »Auf den Spuren von Simenon« ein.

Simenon ging noch vor dem Abitur von der Schule. Seine ersten Anstellungen waren von kurzer Dauer: Eine Konditorlehre brach er schnell ab, ebenso seine Arbeit als Hilfsverkäufer in einer Buchhandlung. Dann entdeckte er die Redaktion der rechtskonservativen und katholisch ausgerichteten »Gazette de Liège«. Mit 16 Jahren begann er seine Laufbahn als Journalist – in Regenmantel und mit Pfeife wie später sein weltberühmtes Vorbild.

Neben seinen 75 Maigret-Krimis schrieb Simenon mehr als 100 Romane und mehr als 150 Erzählungen. Unter verschiedenen Namen verfaßte er mehr als 1.000 Kurzgeschichten und rund 200 Groschenromane. Bis zu seinem Durchbruch, den er in den 30er Jahren mit seinem Maigret schaffte, benutzte er hauptsächlich das Pseudonym Georges Sim.

Anläßlich des Doppeljubiläums hat der Verlag Daniel Kampa den Pariser Kommissar wieder zum Leben erweckt – gewissermaßen zum 76. Mal. Unter dem Titel »Maigret im Haus der Unruhe« ist im April auf Deutsch ein Krimi erschienen, den Simenon noch vor seinem Welterfolg mit »Maigret und Pietr der Lette« geschrieben hat. Es gebe vier sogenannte Proto-Maigrets, wie der Verlagsmanager dem Fachmagazin »Buchmarkt« sagte.

Im ersten sei Maigret noch ein Kommissar in Marseille gewesen, wie er erklärte. »Maigret im Haus der Unruhe« sei der vierte Proto-Maigret und sozusagen die Generalprobe für »Maigret und Pietr der Lette« gewesen. Im Kampa-Verlag erscheint Anfang November noch eine weitere Neuheit: »Der Blick des Romanciers: Simenon als Fotograf« mit Aufnahmen aus den Jahren 1931 bis 1935.

Simenon hat die Bilder mit seiner Leica für Zeitschriften aufgenommen, die ihn für Reportagen nach Belgien, Frankreich, Osteuropa und Afrika schickten. Zu den weiteren Projekten des Kampa Verlags gehört die Neuherausgabe seiner gesamten Maigrets und 28 Erzählungen, die ersten Bücher sind bereits 2018 erschienen.

Im Gegensatz zu seinem bodenständigen Pariser Kommissar war Simenon reiselustig, umtriebig und unstet. Er hatte mehr als 30 wechselnde Wohnsitze in Belgien, Frankreich, den USA und der Schweiz. Er war zweimal verheiratet und hatte unzählige Affären. Er selber behauptete, 10.000 Frauen gehabt zu haben. In seinen Memoiren schrieb er, daß er sein Leben lang auf alles neugierig gewesen sei, nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf die Frau.

Simenons Werk hat ihn zu einem der meistübersetzten und meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gemacht. Allein seine Maigret-Krimis wurden in mehr als 60 Sprachen übersetzt, darunter auch Koreanisch und Vietnamesisch. In Hanoi, der Hauptstadt Vietnams, wurde Simenon bereits im März mit einer Reihe seiner zahlreichen Roman-Verfilmungen gewürdigt.

Sabine Glaubitz, Paris/Liège (dpa)

Dienstag 3. September 2019