Mobilitätswoche vom 16. bis zum 22. September:

»Gitt mat eis« – ein Motto im Streit mit der Wirklichkeit

Die sanfte Mobilität hat es nicht leicht, vor allem, wenn es deren mehr gibt als früher. Das läßt sich im Stadtpark sehr konkret bewundern, wo es immer mehr Konflikte gibt zwischen Fußgängern und Radfahrern. Als noch weniger von beiden unterwegs waren, gab es das nicht. Wobei erschwerend hinzukommt, daß mit dem elektrischen Hilfsmotor eine neue Kategorie auftaucht, von denen viele das Radfahren nicht beherrschen. Und dann noch die Flitzer auf ihren Tretrollern ohne vernünftige Bremsen!

Ähnliches ist zu sagen über oftmals viel zu enge Bürgersteige, wo zwei Kinderwagen oder ein Rollstuhl und ein Kinderwagen nicht aneinander vorbeikommen. Oder über die Stellen, wo auf viel zu wenig Platz ein Strich die Fußgänger von den Radfahrern trennen soll. Das alles funktioniert nur, wenn wenig von beiden auftaucht, egal ob auf der tollen Brücke unter der Neuen Brücke, auf der Roten Brücke oder sonstwo.

Ganz besonders selten wird an eine brauchbare Lösung gedacht, wenn wegen einer Baustelle eine Absperrung aufgestellt wird. Das konnten wir gestern morgen auf dem Weg zur Pressekonferenz genießen, als wir durch die Rue du Fort Bourbon zur Place de Paris kamen, um hinüber zur Rue Zithe usw. Richtung Kirchberg zu gelangen. Da war da plötzlich ohne Vorwarnung eine Baustellenabsperrung und wir wurden in die Rue du Fort Elisabeth gewiesen – mit dem Rad ein sinnloser Umweg. Gut, diesmal schwindelten wir uns noch vorbei, dieselte doch da nur ein Bagger mitten auf der Straße vor sich hin. Aber morgen?

Als kleine Entschädigung wurden wir von Gilles Dostert persönlich beim Verkehrsverbund mit dem Rad reingebeten zu einem neueingerichteten Platz am Eingang für drei Fahrräder. Eins stand schon da, ein drittes kam trotzdem nicht mehr dazu.

Nulltarif vom 16. bis zum 22. September!

Auch wenn jetzt das offizielle Thema der Mobilitätswoche das sichere zu Fuß Gehen und das eben so sichere Radfahren sein soll, bleibt der öffentliche Verkehr in dieser Woche gratis (mit Ausnahme der ersten Zugklasse) als Vorgeschmack auf die Zeit ab März 2020.

Jedenfalls ist es der EU jetzt eingefallen, den Leuten mitzuteilen, unsere Körper seien dafür gemacht, sich zu bewegen, auch wenn die Tage allzu vieler aus Sitzen besteht, sei es im Stau, im Büro oder zuhause vor dem Fernseher. Das ist in der Tat ein Problem ersten Ranges für die Volksgesundheit, doch das wird nicht gesagt. Ebenso wenig, daß ein gesunder Mensch 10.000 Schritte am Tag gehen sollte, um gesund zu bleiben.

Dafür werden wir gefragt, wie es wäre, wenn wir Bewegung in unseren Alltag einbinden könnten und gleichzeitig Geld sparen könnten. Tatsächlich sagten bei der Pressekonferenz nacheinander Transportminister François Bausch, SYVICOL-Präsident Emile Eicher und Verkehrsverbund-Generaldirektor Dostert, daß es dafür auch die richtigen Infrastrukturen braucht. Nicht nur Behinderte brauchen Platz auf dem Bürgersteig, auch Kinderwagen und Leute mit Einkaufstüten, betonte etwa Eicher, der als Clerfer Bürgermeister inzwischen auch erkannt hat, daß Mobilität nicht an Gemeindegrenzen aufhört und daher Zusammenarbeit wichtig ist. Möge sich die Erkenntnis positiv auswirken!

Jedenfalls ist in Minister Bausch inzwischen die Erkenntnis gereift, daß die Elektromobilität weder das Problem des Verlusts der Lebensqualität im Stau löst noch das des Raumverbrauchs der Autos. Er müßte jetzt noch zur Erkenntnis vorstoßen, daß die Stromspeicherung in der Batterie die Treibhausgaserzeugung nur an einen anderen Ort verlagert – nämlich den, wo die Rohstoffe für die Batterie gewonnen werden und diese zusammengebaut wird – und daß damit Zusatzgefahren verbunden sind ganz besonders beim Unfall aber auch bei zu intensivem Stromverbrauch auf Dauer.

Daß die Staus in Luxemburg sehr viel mit der Überzentralisierung der Arbeitsplätze in der und um die Hauptstadt herum zu tun haben, müßte die Regierung auch noch begreifen. Eicher hat uns immerhin zugestimmt, daß es einen einheitlichen Gewerbesteuerhebesatz im Land braucht – langsam breitet sich diese Einsicht aus.
Aber gut, das sind Spezialprobleme, und die werden kaum das Glück haben, von der EU auf den Schild gehoben zu werden als Thema einer Mobilitätswoche, die es dieses Jahr immerhin schon in 54 Ländern geben wird.

In Luxemburg sind aktuell 32 Gemeinden eingeschrieben für dieses Jahr, während es deren laut Internet letztes Jahr 33, laut Pressekonferenz 32 waren. Dafür erfüllen dieses Jahr sieben statt 2018 nur vier Gemeinden alle Bedingungen für den »Golden Cities Award« – eine ganze Woche mit Animation und Information, am 22.9. die Sperrung einer wichtigen Straße und die Einführung mehrerer ständiger Maßnahmen. Es sind dies Bissen (zum vierten Mal in Folge), Colmar-Berg und Ettelbrück (zum dritten Mal in Folge), Contern (zum zweiten Mal in Folge) sowie erstmalig Mertzig, Schieren und Waldbillig.

Darüber hinaus gibt es in Esch/Alzette, Feulen und in der Stauseegemeinde ebenfalls eine Straßensperrung am 22.9. Zusätzlich führen 13 Vereine oder Betriebe eine Mobilitätsaktion durch – 2018 waren es erst vier.

Daneben führt der Verkehrsverbund eine Reihe von Aktionen durch, wobei Leute, die am Freitag, dem 20.9. nichts zu tun haben, mit dem Versprechen eines kostenlosen Mittagessens ins EU-Kongreßzentrum gelockt werden, um sich sieben Reden anzuhören. Alle Details für die Anmeldung und den ganzen Rest gibt es im Internet. jmj

Montag 9. September 2019