»Töte zuerst«

Israelische Angriffe an der syrisch-irakischen Grenze

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat dem Iran den Krieg erklärt. Weil er ihn nicht direkt angreifen kann, werden die Verbündeten des Iran im Irak, Syrien und Libanon getötet.

In den frühen Montagmorgenstunden traf es irakische Truppen am Grenzübergang Al Bukamal an der syrisch-irakischen Grenze. Der Grenzübergang sollte am Dienstag offiziell wieder geöffnet werden, nachdem die letzten Söldner des »Islamischen Staates im Irak und in der Levante« von dort Anfang des Jahres vertrieben worden waren. Al Bukamal liegt am Euphrat unweit der irakischen Stadt Al Qaim, der Grenzübergang verbindet Aleppo mit Bagdad.

Die Öffnung der Grenze ist wichtig, um eine der drei wichtigen Landrouten zwischen Syrien und dem Irak und damit auch für die gesamte Region wieder zu öffnen. Der Grenzübergang im Norden bei Rabia wird von den USA-Streitkräften und den mit ihnen verbündeten syrischen Kurden kontrolliert. Der Grenzübergang im Süden, im irakisch-syrisch-jordanischen Dreiländereck bei Al Walid/Al Tanf wird von der illegal errichteten USA-Basis Al Tanf blockiert. Die Öffnung der Grenze bei Al Bukamal wurde nun durch einen israelischen Drohnenangriff vorerst verhindert. Zur Begründung hieß es, die angegriffenen Truppen hätten einen Raketenangriff auf Israel vorbereitet. Belege dafür wurden nicht geliefert, für den Angriff reicht die Behauptung.

Über das Internetportal »Live Universal Awareness Map«, das über militärische und politische Entwicklungen in Syrien, der Ukraine und anderen Kriegs- und Krisengebieten informiert, wurden im Laufe des Montags Satellitenaufnahmen verbreitet, die eine angebliche iranische Militärbasis vor und nach der Zerstörung zeigen sollen. Angeblich seien mindestens acht Lagerhäuser zerstört worden. Aus den Bildern ist weder zu entnehmen, um was für Gebäude es sich handelt, geschweige denn ob es eine »iranische Militärbasis« ist.

Die Angaben stammen von Image Satellite International (ISI)aus Israel und wurden am 3. September über den US-amerikanischen TV-Sender Fox-News verbreitet, den Lieblingssender von USA-Präsident Trump. Das Muster ist aus den letzten Jahren in Syrien bekannt. Wann immer über den israelischen Satellitendienst angebliche iranische Militärbasen oder syrische Chemiewaffenfabriken bekannt gemacht werden, werden die Einrichtungen wenig später von Israel bombardiert.

Internationale Untersuchungen, die die israelischen Angaben verifizieren könnten, gibt es nicht. Die Länder, in denen die Einrichtungen sich befinden, werden nicht um Aufklärung der Angaben gebeten. Mit den Angriffen zerstört Israel alle Beweise, die das Gegenteil der israelischen Beschuldigungen belegen könnten.

Bei den Angriffen am frühen Montagmorgen sollen unbestätigten Berichten zufolge mindestens 18 Personen getötet worden sein. Dabei soll es sich um Angehörige der irakischen Streitkräfte und der libanesischen Hisbollah gehandelt haben. Weder der Irak noch die Hisbollah haben sich zu den Angaben geäußert.

Am 17. September wird in Israel gewählt und der amtierende Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – wie er selbst und andere Amtsvorgänger zuvor – betreibt einen Wahlkampf mit dem Krieg. Gegenüber den israelischen Wählern behauptet er eine angebliche Gefahr – früher war es die iranische Atombombe, jetzt der Iran in Syrien – und begründet damit militärische Angriffe um die angebliche Gefahr zu zerstören. So will er seine Fähigkeit beweisen, Israel vor einer drohenden Vernichtung zu schützen und zu retten und dafür wiedergewählt zu werden.

Erst vor zwei Wochen hatte die israelische Armee mit Kampfjets und Kampfdrohnen nahezu zeitgleich angebliche »iranische Ziele« im Irak, in Syrien und im Libanon angegriffen. Nach den Angriffen, zu denen sich die israelische Armee nur teilweise bekannte, zitierte Netanjahu einen Satz aus dem Talmud, mit dem der Mossad gezielte Morde rechtfertigt: »Wenn jemand kommt, um dich zu töten, erhebe dich und töte zuerst.« Für den Iran gebe es »keine Immunität … nirgends«, so Netanjahu. Israel werde handeln »und wir handeln jetzt gegen sie, wo immer es notwendig ist.«

Karin Leukefeld, Damaskus

Israelische Militärfahrzeuge am 9. September bei einer Übung auf den besetzten Golan-Höhen in der Nähe der Grenze zu Syrien (Foto: EPA-EFE/ATEF SAFADI)

Dienstag 10. September 2019