18 Jahre Zerstörung

Afghanistan und der Westen

Der Krieg geht weiter: Soviel ist klar nach der Mitteilung von USA-Präsident Donald Trump, die Verhandlungen mit den Taliban über ein Friedensabkommen für Afghanistan seien »tot«. Bereits am Wochenende konnten die Taliban verkünden, sie hätten einen Bezirk im Norden der Provinz Kundus eingenommen, in der einst die deutsche Bundeswehr ein Feldlager unterhielt. Am Dienstag folgten die nächsten Bezirke, diesmal weiter östlich. Daß sie ohne weiteres zu größeren militärischen Operationen in der Lage sind, hatten die Islamisten zuletzt Ende August bewiesen, als sie urplötzlich größere Teile der Provinzhauptstadt Kundus eroberten. Zwar konnten sie sie nicht halten, doch die Warnung saß. Seien die USA nicht mehr zu Verhandlungen bereit, werde man eben weiterkämpfen, erklärte jetzt ein Taliban-Kommandeur trocken. Daran, daß die Milizionäre ihren Worten weitere Taten folgen lassen werden, besteht kaum ein Zweifel.

Man könnte die nächste Verlängerung des Krieges am Hindukusch aus strategischer Perspektive betrachten und käme dann wohl zu dem Ergebnis, Trump habe soeben eine Art »Obama-Erlebnis« gehabt. Bereits der Amtsvorgänger des New Yorker Immobilien-Oligarchen hatte sich bemüht, die USA-Truppen aus den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten heimzuholen. Der Grund: Washington braucht sämtliche Kräfte, um sie für den Machtkampf gegen China bereitzuhalten. Obama sprach im Jahr 2011 noch wohltönend vom »Schwenk nach Asien«.

Trump plant – etwas derber –, Mittelstreckenraketen rings um China zu stationieren. Auch er versucht in Nah- und Mittelost den Friedensfürsten zu mimen und die USA-Truppen aus den Kriegen dort heimzuholen, um sie stärker in Richtung Asien-Pazifik zu orientieren. Auch er scheitert daran. USA-Außenminister Michael Pompeo hat am Sonntag nicht umsonst nachgeschoben, man könne die Verhandlungen mit den Taliban ja bald wieder aufnehmen. Ob diese sich nach Trumps Absage dazu breitschlagen lassen, wird man sehen.

Jenseits der Schachbretter, auf denen Politstrategen kühlen Kopfes blutige Züge ziehen, bleibt freilich festzuhalten: Der Krieg am Hindukusch, für den die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre westlichen Verbündeten die Vorgänge vom 11. September 2001 zum Vorwand nahmen, und den sie in besinnungsloser missionarischer Selbstgewißheit als heroischen Kampf für Frieden und Freiheit verkauften, er ist nicht nur gescheitert, er hat Afghanistan fast 18 Jahre Blut und Elend eingebrockt.

Allein die Zahl der unmittelbaren zivilen Todesopfer wird oft mit über 30.000 beziffert; vermutlich sind es viel mehr. Immense materielle Zerstörungen aller Art kommen hinzu. Der Westen hat, nicht anders als im Irak und in Libyen, in der Phase seiner größten Macht zwischen dem Zerfall der Sowjetunion und dem Aufstieg Chinas bewiesen: Zerstören kann er, mehr allerdings nicht. Es ist Zeit, daraus die Konsequenzen zu ziehen, das Morden zu beenden.

Jörg Kronauer

Einer der Stützpunkte der USA-Truppen in Afghanistan am 13. Juni 2019 (Foto: EPA-EFE/MAJ. JONATHAN CAMIRE/US ARMY)

Mittwoch 11. September 2019