Unser Leitartikel:
Boeing 737 Max: Profit vor Sicherheit

Am 29. Oktober 2018 verunglückte in Indonesien ein neues Flugzeug vom Typ Boeing 737 Max. Nur elf Minuten nach dem Start stürzte Lion-Air-Flug 610 mit 189 Menschen an Bord in die Java-See ab. Niemand überlebte, viele Familien von Absturzopfern sind bis heute traumatisiert.

Innerhalb einer Woche nach dem Absturz wußte der US-amerikanische Konzern: Ein Fehler im neuen automatisierten Flugkontrollsystem MCAS kann eine 737 Max nach unten zwingen. Doch Boeing änderte nichts am Flugzeug. Es gab lediglich einen neuen Leitfaden zum Selbstlernen auf dem iPad: Hinweise für Piloten, was zu tun ist, wenn das MCAS nicht funktioniert. Es gab keine extra Schulung, denn das hätte Zeit und Geld gekostet.

Knapp ein halbes Jahr später, am 10. März 2019, stürzte eine Maschine des selben Typs sechs Minuten nach dem Start mit über 700 Kilometern pro Stunde beim äthiopischen Addis Abeba steil ab. Diesmal starben 157 Menschen.

Beim Ethiopian-Airlines-Flug 302 war der Hergang ähnlich. Als wahrscheinliche Unglücksursache gilt auch hier eine Fehlfunktion der Steuerungssoftware, die auf der Grundlage falscher Daten eines Sensors mit unnötigen und gefährlichen Korrekturen reagierte. Das autonom agierende System neigte die Nase des Flugzeugs immer wieder nach unten. Minutenlang kämpften die Piloten mit ihrer Maschine, hielten manuell dagegen und versuchten, wieder an Höhe zu gewinnen. Vergeblich.

Hinter der doppelten Katastrophe läßt sich leicht eine simple Wahrheit erkennen. Boeing drohte von seinem deutsch-französischen Konkurrenten Airbus abgehängt zu werden und warf daher rasch und ohne den zeitlich wie finanziell großen Aufwand einer Neukonstruktion seiner jahrzehntealten 737 eine nur sehr geringfügig modifizierte Variante auf den Markt, bei der sparsamere, aber größere und schwerere Triebwerke eingesetzt werden, die die Aerodynamik des Flugzeugs veränderten und seine Kontrolle erschwerten.

Die letztlich fehlerhafte Steuerungssoftware sollte das durch automatische Korrekturen am Höhenruder der Maschine ausgleichen. Doch in welch erheblichem Umfang der Algorithmus in die Abläufe eingreifen würde, wurde den Piloten in ihrer Ausbildung nicht oder bestenfalls unzureichend beigebracht.

Das automatisierte Kontrollsystem nutzt einen Sensor, um den Flugwinkel zu berechnen. Bei einem zu steilen Winkel bewegt das MCAS automatisch das Höhenruder, um das Flugzeug wieder auf Kurs zu bringen. Doch wenn der eine Sensor nicht richtig funktioniert, kann MCAS das Flugzeug nach unten drücken, selbst wenn es sich auf dem richtigen Kurs befindet.

Bislang haben sich nur wenige Boeing-Insider öffentlich zu der Doppelkatastrophe geäußert, doch der ehemalige Boeing-Ingenieur Adam Dickson, der ein Team geleitet hatte, das an der 737 Max arbeitete, redet Klartext: Dem Konzern sei es eben nicht darum gegangen, sichere Flugzeuge zu entwickeln und zu bauen, sondern allein darum, möglichst schnell möglichst viel Geld zu machen.

Man könnte auch sagen, die 737 Max wurde nicht um ihres Gebrauchswertes, sondern ausschließlich um ihres Tauschwertes willen produziert. So ist das im Kapitalismus: Nicht der Mensch und seine Bedürfnisse, sondern allein die Jagd nach Maximalprofit stehen im Mittelpunkt des Interesses.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 3. Oktober 2019