Sozialer Brennpunkt hauptstädtisches Bahnhofsviertel:

Wer Probleme nicht lösen will, muß mit ihnen leben

Schon mehr als 50 Jahre werden im hauptstädtischen Bahnhofsviertel Drogen verkauft, weil es eine Nachfrage danach gibt, die profitabel befriedigt werden kann. Das ist ein Problem, dem mit mehr Polizei-Einsätzen nicht beizukommen ist, da damit nur eine Verlagerung des Handelsplatzes erreicht wird.

So haben die Kameras am Bahnhofsvorplatz dazu geführt, daß der Handel über die Fußgängerbrücke nach Bonneweg rutschte. Werden in der Bonneweger Straße auch Kameras aufgestellt – der Schöffenrat hat das verlangt, Minister Bausch hat es gestoppt – wird der Handel eben weiter ins Wohnviertel verlegt. Genauso wie noch mehr Polizeieinsätze im Bahnhofsviertel den Handel entweder Richtung Oberstadt oder Richtung Hollerich wandern lassen, denn an der Nachfrage ändert sich dadurch ja nichts. Selbst Beschlagnahmungen von Ware führen nur zu kurzzeitigen Engpässen – danach muß die Kundschaft eben ein bißchen mehr zahlen, bis der Verlust wettgemacht ist.

Mit Verdrängung verschwindet weder das Obdachlosen- noch das Problem illegaler Drogen, wobei die beiden zumindest teilweise miteinander verbunden sind. Zuletzt ließ sich übrigens beobachten, daß nicht süchtige Obdachlose begonnen haben als Zuträger für das Drogen-Verkaufspersonal zu arbeiten. Wir wollen hoffen, daß sie für ihre Dienste Geld und nicht Drogen kriegen!

Mehr Sozialarbeit, weniger Polizei!

Wenn es auch am 25. September im überfüllten Mehrzwecksaal in der Straßburger Straße am meisten Applaus gab für die Forderung, die Polizei möge den Drogenhandel aus dem Bahnhofsviertel rauskehren – Motto: »Heiliger St. Florian, verschon‘ mein Haus, zünd‘ das des Nachbarn an!« – so gab es doch auch Zustimmung, wenn da gesagt wurde, der Drogenkonsumraum in der Diedenhofener-Straße müsse rund um die Uhr an jedem Jahrestag offen sein, und es müsse da genug Sozialarbeiter geben, damit die von den braven Alkohol trinkenden und Tabak rauchenden Bürgern ungeliebte Kundschaft nicht im Umkreis von 300 Metern in allen Hauseingängen lungert.

Die Forderung nach mehr Personal und Mitteln für den Drogenkonsumraum sowie eine Öffnung rund um die Uhr ist fast so alt wie sein Bestehen, aber weder das zuständige Gesundheitsministerium noch die Stadtgemeinde stellt das Budget dafür zur Verfügung. Nur damit aber ist eine Verlagerung von der Straße in geschlossene, nicht einsehbare Räume zu erreichen.

Mit der entsprechenden Bereitschaft wäre das Problem rasch gelöst, wobei der Stadt Esch/Alzette wahrscheinlich ganz kurzfristig ein ähnliches Problem droht, ist doch der endlich dort im Süden des Landes eröffnete Drogenkonsumraum in der Luxemburger Straße auch nicht rund um die Uhr offen. Wenn ein Heroin-Süchtiger sich fünfmal am Tag eine Spritze setzen muß, um keine Entzugserscheinungen zu bekommen, wird er das halt woanders tun, wenn der Konsumraum zu ist!

»Kehrt sie weg« statt »Housing First«

Wer kein Dach über dem Kopf hat, ist dazu gezwungen auf der Straße herumzulungern, gibt es doch nur an zwei Orten in der Hauptstadt (einen in der Oberstadt, einen in Bonneweg) die Möglichkeit, mit einem Hund und einer Bierflasche ohne weiteren Konsumzwang reinzukommen. In allen anderen Obdachloseneinrichtungen ist Alkohol strikt verboten und Hunde werden abgenommen und dem Tierheim übergeben.

Regnet es, suchen sich diese Leute verständlicherweise ein trockenes Plätzchen. Seit es die Unterführung am Aldringer nicht mehr gibt, sind das eben Parkhäuser, Garageneinfahrten, Geschäfts- und Hauseingänge. Es ist – wie beklagt wurde von etlichen am 25. September – mühsam und teuer, die ständig da wieder rauszukehren, wobei jede Menge Müll zurückbleibt, der auch wegzuräumen ist.

Je länger wer auf der Straße lebt, desto schwieriger wird es, dem Leben wieder Struktur zu geben. Umso wesentlicher sind daher die »Housing First«-Konzepte, die in Finnland sehr konsequent durchgezogen wurden, in anderen Gegenden eher halbherzig oder nur von privaten Projektträgern. In Wien ist da das 1999 ins Leben gerufene »neunerhaus« (im Internet auf www.neunerhaus.at) zu nennen, das zeigt, wie es gehen kann. Es ist allerdings in Wien nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weil es zwar subventioniert, aber nicht verallgemeinert wird. Für die Stadt Luxemburg würde wohl ein solches Projekt reichen, Wien bräuchte mindestens ein Dutzend!

»neunerhaus schenkt jährlich rund 600 Menschen ein Zuhause, das seinen Namen auch verdient. Sozialarbeiter bieten Beratung auf Augenhöhe. Doch Armut macht krank und Krankheit macht arm. Deswegen hat neunerhaus eine umfangreiche medizinische Versorgung aufgebaut. Im neunerhaus Gesundheitszentrum helfen Allgemeinmedizinern und Zahnärzten gemeinsam mit professioneller Sozialberatung jährlich etwa 5.000 obdachlosen, wohnungslosen und nichtversicherten Patienten. Das neunerhaus Café ist nicht nur ein gemütlicher Grätzltreff, sondern bietet auch gesundes Essen auf freier Spendenbasis und niederschwellige Beratung. In der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung betreuen ehrenamtliche Tierärzte mit vielen freiwilligen Helfern die Vierbeiner wohnungsloser Menschen. Weil sie oft die besten Freunde – und auch in Krisenzeiten treue Begleiter sind.«

Womit klar umschrieben ist, was gebraucht wird. Billiger ist Problemlösung nicht zu haben. Das Geld dafür sollte im reichen Luxemburg da sein!

jmj

Montag 7. Oktober 2019