Wenn das Wohlergehen der Schaffenden nur eine untergeordnete Rolle spielt

Seit Anfang der 1990er Jahre ist viel über die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz diskutiert, beraten und geschrieben worden. An guten Absichtserklärungen hat es dabei seither nicht gefehlt. Für die Schaffenden hat sich »um Terrain« jedoch nur wenig zu Positiven geändert.

Was auch aus Umfragen immer wieder zu entnehmen ist. Diese belegen in aller Deutlichkeit, dass die Gesundheit der Schaffenden heutzutage nicht mehr allein durch physikalische Risikofaktoren am Arbeitsplatz gefährdet ist, sondern dass schlechte Arbeitsbedingungen, zunehmende Arbeitsintensität, massive Deregulierung der Arbeitszeitorganisation und eine den Lohnabhängigen in einem immer größeren Maße abverlangte Flexibilität immer häufiger die Ursache von gesundheitlichen Beschwerden sind. Und zwar in einem Ausmaß, dass Erkrankungen, verursacht durch die Schaffenden heutzutage aufgezwungenen neuen Arbeitspraktiken, sich innerhalb der letzten zehn Jahre praktisch verdoppelt haben.

Eine Entwicklung, die sich allerdings schon vor einem Vierteljahrhundert bemerkbar machte, und die in Dublin ansässige »Europäische Stiftung zur Verbesserung der Le­bens- und Arbeitsbedingungen« damals schon dazu bewog, die Alarmglocke zu ziehen, indem sie eine breitgefächerte Debatte über die Qualität der Arbeitsplätze im gegenwärtigen Klima des zunehmenden Wettbewerbs und der sich rasch verändernden Beschäftigungsmuster forderte. Was allerdings kaum geschah, da ihre warnenden Anmerkungen beim Finanz- und Großkapital größtenteils auf taube Ohren stießen.

Wenn Rückenschmerzen, Kniebeschwerden, Muskelerkrankungen im Nacken- und Schulterbereich, sowie allgemeine Erschöpfungszustände auch nach wie vor die Ursache zahlreicher Krankschreibungen sind, so fällt beim Betrachten von rezenten Statistiken besonders der massive Anstieg an psychischen Beschwerden auf – eine Zunahme von nahezu 100 Prozent innerhalb der letzten 15 Jahre. Eine Entwicklung, die zweifelsohne als alarmierend zu bezeichnen ist.

Was die Arbeitsintensität anbelangt, so gibt inzwischen fast jeder Zweite an, mindestens während eines Viertels seiner Arbeitszeit unter Zeitdruck zu stehen. Druck, Hetze, innerbetrieblicher Konkurrenzkampf und Mobbing hätten in einem Maße zugenommen, dass in besagter Umfrage rund 40 Prozent aller Befragten befürchteten, ihre aktuelle Tätigkeit nicht bis zum Pensionsalter ausüben zu können. Dies betrifft vor allem jene Erwerbstätige, die nicht nur körperlich schwer schuften müssen, sondern zunehmend auch psychisch belastet werden.

Eine Entwicklung, die Regierung und Patronat jedoch nicht davon abhielten – siehe Reform, des PAN-Gesetzes – die Arbeitszeitorganisation weiter zu deregulieren und den Schaffenden eine noch größere Flexibilität abzuverlangen.

Eine Beweis mehr dafür, dass den Kapitalisten und ihren Handlangern in der Politik der Profit wichtiger ist als das Wohlergehen der arbeitenden Menschen.

g.s.

Gilbert Simonelli : Montag 7. Oktober 2019