Kampf um Wasser

Äthiopien baut Staudamm am Blauen Nil. Ägypten sieht seine Interessen gefährdet

Die Verhandlungen zwischen Ägypten, Äthiopien und dem Sudan über die Verteilung des Nilwassers stecken anscheinend in einer Sackgasse. Äthiopien »lehnte alle Vorschläge ab, die den Interessen Ägyptens Rechnung tragen«, teilte das ägyptische Ministerium für Wasserwirtschaft am Samstag mit, berichtete der Fernsehsender Al-Dschasira. Hintergrund des Streits ist der »Grand Ethiopian Renaissance Dam« (GERD), der »Große Damm der äthiopischen Wiedergeburt«, den das Land seit 2012 am Blauen Nil baut, dem größten Nebenfluß des mit 6.650 Kilometern längsten Flusses der Welt. Die Arbeiten sind fortgeschritten und sollen spätestens im Jahr 2022 abgeschlossen sein. Kostenpunkt: Vier Milliarden US-Dollar.

Die technischen Daten des Bauwerks sind beeindruckend: 145 Meter hoch und zwei Kilometer lang – höher und länger als der berühmte Assuan-Staudamm in Ägypten.
Über ein Speichervermögen von 74 Milliarden Kubikmetern soll GERD verfügen. Zum Vergleich: Der größte Stausee Deutschlands, die Bleilochtalsperre an der Saale, ist bereits mit 215 Millionen Kubikmetern Wasser randvoll. GERD ist Dreh- und Angelpunkt in Äthiopiens Zukunftsplanung. Er soll die Landwirtschaft absichern und die Versorgung der rasant wachsenden Bevölkerung mit Trinkwasser ermöglichen. Das dazugehörige Wasserkraftwerk wird mit einer produzierten Strommenge von 15.000 Gigawattstunden pro Jahr das ertragreichste in ganz Afrika sein. Das ist ungefähr die Menge, die von den drei bis dahin größten Staudämmen des Kontinents erzeugt wird. Äthiopien wird damit zum wichtigsten Energieexporteur Afrikas.

Es wird allerdings ein bißchen dauern, bis der Wasserspeicher gefüllt ist, und Kairo will verhindern, daß unter anderem der Wasserpegel im Reservoir von Assuan sinkt. Ägypten entnimmt 90 Prozent seines Süßwassers aus dem Nil. Von den rund 50 Milliarden Kubikmetern Wasser, die der Blaue Nil pro Jahr durchschnittlich führt, soll Äthiopien höchstens zehn Milliarden stauen dürfen, verlangt Kairo laut dem Radiosender »Deutsche Welle«. Äthiopien will hingegen so schnell wie möglich mit der Stromerzeugung beginnen. Seit Baubeginn verhandeln die drei Staaten, immer abwechselnd in Kairo, Khartum und Addis Abeba. Am vergangenen Wochenende traf man sich in der sudanesischen Hauptstadt. Ägypten fordert von Äthiopien eine Garantie, daß Wasser am Unterlauf ankommt, falls weiter oben eine Dürre ausbricht – bislang ohne Erfolg.

Addis Abeba versucht die Bedenken zu zerstreuen. »Die Behauptung, die Gespräche seien in einer Sackgasse geendet, ist komplett falsch«, wies der äthiopische Minister für Wasser und Energie, Seleshi Bekele, die Vorwürfe laut Al-Dschasira am Samstag zurück. »Es wurden Fortschritte gemacht. Es gibt noch einige unerledigte Punkte, aber wir glauben, daß diese bis zum Ende des Dammbaus gelöst werden können.«
Kairo beruft sich in seinen Forderungen unter anderem auf zwei Abkommen, die es 1929 und 1959 mit dem Sudan abgeschlossen hat. In diesen wurden dem Land 87 Prozent des Nilwassers und ein Vetorecht gegen Staumauern flußaufwärts zugesprochen. Bassam Radi, der Sprecher des ägyptischen Präsidenten, wünscht sich nun laut Al-Dschasira die USA als Vermittler. Die sind offenbar auch bereit, die Rolle anzunehmen.

Gerrit Hoekman

Der »Große Damm der äthiopischen Wiedergeburt« am Blauen Nil wird weiter gebaut (Aufnahme vom 2. April 2017)
(Foto: EPA-EFE/STR)

Dienstag 8. Oktober 2019