Wie chaotisch in Luxemburg vorgegangen wird...

Wie chaotisch in Luxemburg vorgegangen wird und warum die Verwirklichung von Projekten ewig dauert, lieferte der Automobilclub seinen Mitgliedern frei Haus mit dem »Auto Touring« von Oktober 2019. Denn dort steht auf Seite 23 wortwörtlich zu den 9 km Schiene zwischen Bettemburg und der Hauptstadt : »Bei Baustellen dieser Größenordnung laufen mehrere Projektphasen gleichzeitig, wie Rui Raimundo erläutert. Während einige Streckenabschnitte bereits fertiggestellt sind, wird auf anderen gerade erst die Projektstudie abgeschlossen.« 

Wir haben nie verstanden, warum der Fertigstellungstermin, der ursprünglich bei 2004 lag, ständig nach hinten verrückt wurde, zuletzt auf 2024. Jetzt, dank CFL-Projektleiter Rui Raimundo und Automobilclub, wissen wir es endlich. Und wir verstehen gleichzeitig, warum in China wesentlich längere Schienenprojekte viel schneller fertig werden, denn dort ist die Planung bei Arbeitsbeginn komplett abgeschlossen, wobei zur Planung auch die konkreten Schritte zur schnellen Verwirklichung gehören. Dort heißt das ja auch »Planung« , hier aber »Projektstudie« !
Zwei Unbekannte :

Planung und Analyse

Wird etwas gebaut, so gibt es hierzulande nie zuvor eine Analyse, was das für einen Verkehr nach sich ziehen wird. Der Hollericher Interessenveräin hatte solches z.B. für zwei Bürogebäude an der Escher Straße verlangt, der Schöffenrat hielt das aber für völlig überflüssig. Bloß ist es grober Unfug in ein bereits verkehrsmäßig überlastetes Gebiet, wo Parkplätze obendrein Mangelware sind, zwei Großprojekte hinzuzubauen, weniger Parkplätze zu genehmigen, als dort gebraucht würden und sich dann zu wundern, daß der Verkehr noch mehr wird (auch durch die Parkplatzsuche) und die Staus folglich ärger.

Da kommt dann die blitzgescheite »Analyse« , es seien zu viele Autos da, es müßten weniger werden und die Leute sollten öffentlich oder mit dem Fahrrad kommen.
Blöd nur, daß im öffentlichen Verkehr zu den Zeiten, wo es gilt zum Arbeitsplatz anzutanzen, keine freien Plätze, dafür aber ein tolles Sardinenbüchsengefühl gibt. Das hat damit zu tun, daß seit Jahr und Tag bei den Arbeitsplätzen 48% in der Hauptstadtgemeinde, 27% in den direkten Anliegergemeinden und nur 25% im großen Rest des Landes sind. Am letzten Augusttag machte das in der Hauptstadt 224.305 Arbeitsplätze, wozu noch rund 10.000 EU-Bedienstete kommen (sie gelten als »emploi extérieur« ), in den Anliegergemeinden 126.172 und im großen Rest 116.826 Arbeitsplätze. Vom letzten Juli- auf den letzten Augusttag kamen 1.495 Arbeitsplätze hinzu, also 718 in der Hauptstadt, 403 in den Anliegergemeinden und 374 im Landesrest. Bei den Grenzgängern wurden es 790 mehr auf bereits 202.261.
Damit ist die Zahl der Leute, die in den Zentralraum zur Arbeit kommen MÜSSEN klar. Wer weniger Autos in den Straßen haben will, zumindest wenn er realistischerweise nicht davon ausgeht, Grenzgänger könnten mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen, muß für weniger Arbeitsplätze im absoluten Zentrum und für viel mehr Platz im Zug sorgen.

Dumm gelaufen ! Ersteres ist politisch nicht erwünscht (dazu bräuchte es einen einheitlichen Hebesatz der Gewerbesteuer auf den Profit im Land und viel weniger Platz im Allgemeinen Bebauungsplan für neue Arbeitsplätze), das zweite ist von der Regierung nicht geplant. Die CFL kriegt nur so viel zusätzliches Zugmaterial, daß 5% mehr Passagiere im Jahr sich ausgehen. Der Arbeitsplatzzuwachs übetrifft dieses Zusatzangebot bedeutend.

Dabei ist es nicht so, daß es wegen Kollege Sachzwang leider nicht anders ginge. In allen größeren Ländern der EU gibt es ein Angebot an gebrauchtem Bahnmaterial, das sofort gemietet, geleast oder gekauft werden kann. Wäre die Regierung bereit, der CFL das Geld dafür zu geben, könnte zum Fahrplanwechsel im Dezember die Kapazität der Züge um ein Drittel gestiegen sein und es könnten dann nur noch Züge mit 9 Waggons unterwegs sein (außerhalb der Stichstrecken). Alles klar ?

Unheilvoll Schönes für den Kirchberg

Minister Bausch hat dem dänischen Architektenbüro Gehl eine halbe Million gezahlt für eine Studie, um den Kirchberg zu verschönern und lebenswerter zu gestalten – mit, natürlich, weniger Verkehr. Statt daß heute dort Arbeitsplätze und Wohnplätze im Verhältnis 5:1 vorhanden sind, soll das 2:1 werden, lobt sich der Obergrüne. Er sagt nicht, daß heute 30.000 Arbeitsplätze da sind, und daß daraus 65.000 werden sollen. Kann er ja nicht, wüßten doch dann alle, daß mehr Arbeits- als Wohnplätze hinzukommen sollen, und nicht alle Einwohner sind auch Arbeitskräfte, gibt es darunter doch Kinder und Rentner.

Das Büro hat tolle Computeranimationen geliefert und lustige Vorschläge, um den Straßenraum für Autos zu verkleinern. Das obwohl es bei den heutigen 30.000 Arbeitsplätzen schon Probleme gibt ! Natürlich soll es auch weniger Parkplätze für mehr Autos geben – äh, die sagen die sollen außerhalb der Stadt in Parkhäusern abgestellt werden, von wo sie mit der Tram auf den Kirchberg reinfahren. Da braucht es dann 10 Stunden, bis alle ihren Arbeitsplatz erreicht haben – aber für so viel Realismus bräuchte es eine Analyse statt dem gefühlsbetonten »für mehr Lebensqualität brauchen wir weniger Autos« .

Folglich wird es möglich, die Parkfläche hinter der Coque in ein Freibad umzuplanen, weil ja die Leute mit der Tram (die schon nicht fähig ist, alle in einer vernünftigen Zeit auf die Arbeit zu bringen) oder dem Fahrrad kommen. Gut, es könnten mehr mit dem Fahrrad kommen in die Coque, aber blöd nur, daß das ein nationales Zentrum ist für Leute aus dem ganzen Land… Ob das die Dänen wissen ?

jmj

vendredi 11 octobre 2019