Von China nach Syrien

Uigurische Dschihadisten hofften auf Kalifat

Die Islamische Turkestan-Partei (ITP) in Syrien ist eine von vielen ausländischen bewaffneten Gruppen, die in Idlib kämpfen. Die Führung der Partei befindet sich in Afghanistan und in Pakistan, ein Teil auch in China. Ihre Mitglieder sind zum Großteil Uiguren, Einwohner der autonomen Region Xinjiang im Nordwesten der Volksrepublik. Es ist ein weiter Weg von Xinjiang über Südostasien in die Türkei und bis ins syrische Idlib. In der Türkei finden die muslimischen und turksprachigen Uiguren Aufnahme. Tausende nutzten diesen Weg, und wer nach Syrien in den Dschihad ziehen wollte oder von Anwerbern geködert wurde, fand von türkischer Seite eine offene Grenze vor.

Als die thailändische Regierung 2015 mehr als hundert Uiguren auf ihrem Weg in die Türkei und weiter aufgriff und nach China überstellte, bezeichnete die chinesische Regierung 13 von ihnen als Terroristen. Ein Sprecher für den im süddeutschen München beheimateten »Weltkongreß der Uiguren« sprach damals davon, sie würden »Frieden und Freiheit von Unterdrückung« suchen. Doch Experten berichteten für das Jahr 2015 nicht von der »Suche nach Frieden«, sondern von zirka 1.500 Kämpfern der ITP, die vom »Islamischen Staat« und der »Nusra-Front« umworben wurden. Dabei gehört die ITP zu den kompromißlosesten Hardlinern unter den dschihadistischen Gruppen. Im Mai 2018 veröffentlichte sie ein Rekrutierungsvideo, das mit einem Aufruf von Osama bin Laden begann. Hingen hat selbst das »Komitee zur Befreiung der Levante« (HTS) dem ehemaligen Führer der al-Qaida zumindest offiziell abgeschworen.
Die ITP-Kämpfer waren seit 2015 an vielen Schauplätzen des Krieges in Syrien aktiv, vor allem auch am Kampf um Aleppo. Mittlerweile sind sie wie alle Dschihadisten auf Idlib beschränkt. Dort sind sie im Gebiet um Dschisr asch-Schughur ansässig. Viele werden von ihren Familien begleitet und haben sich in Gebieten niedergelassen, aus denen zuvor Alawiten oder Christen vertrieben wurden. Die syrische Regierung geht davon aus, daß bis zu 5.000 Uiguren in Syrien kämpfen. Sie haben enge Beziehungen zu Dschihadisten in Afghani­stan. »Dogu Türkistan Bülteni«, eine türkischsprachige Website, die regelmäßig über die Aktivitäten der ITP berichtet, beschrieb im Februar 2018 zwei neue Führer der ITP in Syrien. Abu Omar al-Turkistani und Abu Muhammad al-Turkistani, so werden sie genannt, hätten mehr als zehn Jahre Kampferfahrung in Afghanistan gesammelt.

Viele ausländische Dschihadisten in Syrien kommen aus arabischen Ländern und die russische Regierung schätzt, daß aus den früheren Sowjetrepubliken 5.000 bis 7.000 Kämpfer kamen. Die 4.000 bis 5.000 Uiguren sind also nicht die größte Gruppe ausländischer Kämpfer in Syrien. Ihre Brisanz erhalten sie durch ihre Islamische Turkestan-Partei und die Forderung, Xinjiang von China zu lösen und eine »Islamische Republik Ostturkestan« zu bilden. Der chinesische Botschafter in Syrien Qi Qianjin betonte vor einem Jahr, China werde sich »in irgendeiner Form« an einer Offensive in Idlib beteiligen. Der chinesische Militärattaché Wong Roy Chang äußerte sich ähnlich. Doch dabei geht es vor allem um Drohnen und Waffen, Berater und technische Unterstützung. Die chinesische Regierung hält sich mit einer unmittelbaren Kriegsbeteiligung zurück.

Nach vielen Niederlagen der Dschihadisten wird es kein Kalifat in Syrien geben. Der Weg vom Nordwesten Chinas nach Syrien hat sich für die uigurischen Dschihadisten nicht gelohnt.

Manfred Ziegler

Freitag 11. Oktober 2019