Italiens Regierung stimmt zu

Fusion mit PSA soll Fiat-Chrysler aus den roten Zahlen bringen. Es bleiben viele Probleme

Die in der vergangenen Woche angekündigte Fusion des italo-amerikanischen Konzerns Fiat Chrysler Automobile (FCA) und der französischen Gruppe PSA (Peugeot Société Anonyme), die als Opel- und Peugeot-Mutterkonzern zweitgrößter Autobauer Europas ist, wird in italienischen Wirtschaftskreisen und auch von der Regierung aus Sozialdemokraten und Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) durchweg positiv aufgenommen. Wirtschafts- und Finanzminister Roberto Gualtieri habe sich in einem Telefongespräch mit FCA-Präsident John Elkann über die Fusion informiert und »die Pläne zur Schaffung eines Industriekonzerns mit einer starken italienischen Komponente«, der »eine Protagonistenrolle auf dem globalen Automarkt spielen wird«, begrüßt, hieß es in Rom.

Wie in Frankreich fürchten jedoch auch in Italien die Gewerkschaftsverbände einen Stellenabbau und erklärten, es sei »inakzeptabel«, daß die Konzerne Gespräche über einen Zusammenschluß führten, ohne die Arbeiter und deren Vertretungen hinzuziehen. »Der Zusammenschluß ist sehr riskant«, urteilte Francesca Re David, Generalsekretärin der Metallarbeitergewerkschaft FIOM. Minister Gualtieri von der sozialdemokratischen PD reagierte und versicherte, das werde bei der Fusion verfolgt. Ministerpräsident Giuseppe Conte betonte, daß »Produktions- und Beschäftigungsniveau in Italien wie auch die Geschäftskontinuität gewährleistet« sein müßten. Gewicht hat vor allem das Wort des Präsidenten des Unternehmerverbandes Confindustria, Vincenzo Boccia, der dem Projekt »unsere Unterstützung« zusicherte. »Wir brauchen europäische Giganten, um die Herausforderungen mit China und den USA zu meistern.« Der Zusammenschluß schaffe außerdem »eine interessante geschäftliche Dimension«.

Mit der Megafusion würden 41 Marken unter einem Dach zusammengebracht, stellte »RAI News« heraus. Beide Konzerne versuchten damit, sich »für die hart umkämpfte Automobilzukunft zu rüsten«. Die aus der Fusion hervorgehende neue Gruppe werde zu jeweils 50 Prozent von den Aktionären der FCA und der PSA kontrolliert. Die staatliche Nachrichtenagentur ANSA führt an, daß Fiat Chrysler 25 Marken, darunter die renommierten Fiat, Alfa Romeo, Lancia, Chrysler, Dodge, Jeep, Iveco und Maserati einbringt. Zu den 16 von PSA gehörten bekannte Marken wie Opel, Citroën und Peugeot. Hinter Volkswagen, Toyota und dem französisch-japanische Renault-Nissan-Verbund werde ein neuer viertgrößter Auto-Gigant mit einem angestrebten Absatz von 8,7 Millionen Fahrzeugen pro Jahr in den Konkurrenzkampf um die Weltspitze einsteigen. Die Synergien sollen Einsparungen von 3,7 Milliarden Euro bringen. Laut »Wall Street Journal« sind FCA und PSA an der Börse zusammen rund 45 Mrd. Euro wert.

Die italienischen Medien heben auch hervor, daß der neue Konzern ein Zusammenschluß »unter Gleichen« werde soll, so mit einer ausgewogenen Besetzung des Vorstandes. Dessen Vorsitz solle PSA-Chef Carlos Tavares übernehmen, während John Elkann an die Spitze des Verwaltungsrates trete. Elkann ist der Enkel des langjährigen Fiat-Eigentümers Giovanni Agnelli, der wiederum Großvater des gleichnamigen Gründers der Fabbrica Italiana Automobili di Torino (FIAT, 1899) war.

Aus diesem Traditionsunternehmen ging die heutige FCA hervor. Nachdem ein 1999 mit General Motors geschlossenes Joint venture gescheitert war, übernahm der Turiner Konzern 2014 den US-amerikanischen Autobauer Chrysler und bildete mit Alfa Romeo, Lancia und Abarth sowie den US-amerikanischen Modellen Jeep, Dodge und Ram unter Turiner Leitung die Fiat Chrysler Automobiles (FCA). Im Mai dieses Jahres wollte der Konzern bereits eine Allianz mit Renault schließen, um hinter Toyota und Volkswagen drittgrößter Automobilkonzern Europa, unter Einschluß von Renault-Partner Nissan, wie es damals hieß, sogar der Weltgrößte werden. Der Vorstoß scheiterte am Einspruch der französischen Regierung, die Garantien für den Erhalt der Standorte von Renault und der Arbeitsplätze forderte.

FCA will mit der Fusion eine Reihe gravierender Probleme lösen. Unter seinem Vorstandschef (CEO), dem verstorbenen Sergio Marchionne hatte das Unternehmen auf große Investitionen in Elektroantriebe verzichtet. Nach der Übernahme von Chrysler ist FCA mit den Marken Jeep und Ram zwar erfolgreich in den USA-Markt eingestiegen, aber das sind »große Spritschlucker«, die in Europa mit den ab 2021 geltenden CO2-Zielen kollidieren und drohen, zu weiteren Marktverlusten zu führen. FCA steckt schon jetzt in den roten Zahlen. Im dritten Quartal hat der Konzern Verluste von 179 Millionen Euro eingefahren. Die großen Absätze in den USA konnten das nicht wettmachen. Immerhin bringt FCA dort sein gut ausgebaute Vertriebsnetz in den gemeinsamen neuen Konzern ein. Das kann den Markteinstieg von Peugeot in Amerika erleichtern. Während der Turiner Konzern davon profitieren kann, daß PSA in Europa stärker ist, und die Franzosen bei der Entwicklung von Hybrid- und Batterie-Fahrzeugen weiter als FCA sind.

Auch jetzt bleiben dennoch genug Probleme. Die römische Zeitung »La Repubblica« vermerkte, daß die französische Regierung, wie schon bei der gescheiterten Fusion mit Renault, das Projekt auch diesmal gefährden könnte. »In Frankreich ist die Regierung dieselbe geblieben, und sie ist Aktionärin bei Peugeot, wie sie es bei Renault war. Was hat sich geändert?«, fragte das Blatt. Natürlich könnte es möglich sein, daß die Regierung in Paris dieses Mal zurückhaltender in ihren Anforderungen sei.

Zu den Hürden, die noch zu überwinden sind, gehört, daß der chinesische Autobauer Dongfeng bei PSA einen Anteil von 12,2 Prozent und damit 19,5 Prozent der Stimmrechte hält. »Mit Blick auf die chinesische Geschichte sind wir wachsam und auf der Hut«, ließ Donald Trump seinen Chef des National Economic Council, Larry Kudlow, erklären. Nachdem ANSA zum Besuch von Außenminister Luigi Di Maio (M5S) auf der zweiten Internationalen Importmesse in Shanghai dessen ausführliche Gespräche mit seinem Amtskollegen Wang Yi hervorgehoben hatte, wird es in Rom für möglich gehalten, daß die Rolle von Dongfeng ebenfalls besprochen wurde. Im Gespräch sei inzwischen, so ANSA, daß der chinesische Autobauer seine PSA-Beteiligung verkaufen könnte, um eine Genehmigung der Fusion durch die USA-Wettbewerbsbehörden zu erleichtern. Zumindest äußerte Kudlow: »Wir begrüßen ein gutes Geschäft. Wir hoffen, daß es mehr Produktion in den Vereinigten Staaten, mehr Fabriken und Arbeiter und Beschäftigung in den USA bringt«.

Offen ist schließlich, ob die Regierung des hochverschuldeten Italien – wie die deutsche für eine erfolgreiche Aufholjagd deutscher Auto-Konzerne bei der Produktion von Elektroautos gerade beschlossen hat – auch für den neuen Mega-Konzern Milliarden Euro aufbringen kann.

Gerhard Feldbauer

(Fotos: AFP)

Mittwoch 6. November 2019