Vor hundert Jahren

Aufruf des Propagandaausschusses für den Beitritt zur III. Internationale

Am 7. November 1919 erschien das Flugblatt »Zum Jahrestag der russischen Revolution«

Anfang November 1919 wurde in mehreren Orten im Süden des Landes und in der Hauptstadt ein Flugblatt »Zum Jahrestag der russischen Revolution« verbreitet, das für Freitag, den 7. November zur einer Sympathie- und Protestversammlung aufrief. »Am kommenden 7. November wird das klassenbewußte Proletariat der ganzen Welt in feierlicher, imposanter Weise seine Sympathien für die russische Revolution, seine Solidarität mit unseren russischen Freunden bekunden. Ein gewaltiger Schrei des Abscheus und des leidenschaftlichen Protests wird sich allerorts gegen die militärische Intervention und die schändliche Hungerblockade, die andauernd furchtbare Verheerungen anrichten und den wirtschaftlichen Aufbau Sowjetrusslands kolossal erschweren, erheben. Es wäre ein Verbrechen, wenn wir bei dieser Gelegenheit abseits stehen blieben. Wir müssen an diesem Tage unsere Pflicht als Menschen, als Arbeiter und als Sozialisten erfüllen«, hieß es in dem Flugblatt.

Unterzeichnet war der Aufruf mit »Eine Gruppe Luxemburger Arbeiter und Soziali­sten«. Hinter dieser Bezeichnung standen Mitglieder der Sozialistischen Partei Luxemburgs, die im Sommer 1919 einen »Propagandaausschuss für den Beitritt zur III. Internationale« gebildet hatten, der marxistische Literatur – darunter die Schrift »Lohnarbeit und Kapital« von Karl Marx, und »Staat und Revolution« von Lenin und Dokumente der Kommunistischen Internationale – in den Parteigruppen verbreitete, für die Unterstützung von Sowjetrussland warb und Überzeugungsarbeit für den Anschluss der Partei an die Kommunistische Internationale leistete.

Kampf für den weltweiten Sturz des Kapitalismus

Wenige Monate zuvor hatte vom 2. bis zum 6. März 1919 in Moskau unter den Impulsen von Lenin und der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale stattgefunden, welche die revolutionären Sozialdemokraten und Kommunisten im Kampf für den weltweiten Sturz des Kapitalismus auf einer politisch-ideologischen und organisatorischen Grundlage zusammenführen, die Gründung von kommunistischen Parteien beschleunigen und eine gemeinsame Strategie und Taktik entwickeln sollte. Zuvor war die II. Internationale daran gescheitert, dass ihre Führer die internationalistischen Ideen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verraten und an der Seite der Kapitalisten in ihren jeweiligen Ländern den imperialistischen Krieg rechtfertigt und zur »Vaterlandsverteidigung« aufgerufen hatten. Das Massenmorden, die Unterdrückung, der Hunger und die Verelendung großer Teile der Bevölkerung lösten noch während des Krieges eine revolutionäre Welle aus, die nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland und mit dem Ende des 1. Weltkriegs ganz Europa erfasste.

Wie in allen anderen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien gab es auch in der Sozialistischen Partei Luxemburgs unterschiedliche Ansichten darüber, ob man dazu beitragen sollte, die II. Internationale neu aufzubauen und die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse über Reformen anzustreben – was allerdings eine Illusion war, wie sich im Laufe der weiteren Geschichte immer wieder zeigte –, oder der neu gegründeten Kommunistischen Internationale beitreten und auf einen revolutionären Umsturz der kapitalistischen Verhältnisse in Luxemburg orientieren sollte.

Sympathie-Kundgebungen im Süden und in der Hauptstadt

Zu den Sozialisten, die sich im »Propagandaausschuss für den Beitritt zur III. Internationale« zusammenfanden, über dessen Zusammensetzung es keine genauen Angaben gibt, gehörten unter anderem der Eisenbahner und Abgeordnete Pierre Krier, die Arbeiter Jempy Krier, Jean-Pierre Lippert und Dominique Moes, der Student Nicolas Konert, der Philosophielehrer Oscar Stümper, der Steuerbeamte Edouard Reiland und wahrscheinlich auch der Bergarbeiter Jean Bukovac und der Lehrer Hubert Clément. Nicht alle traten später nach ihrer Gründung am 2. Januar 1921 der Kommunistischen Partei Luxemburgs bei, sondern wurden, wie das zum Beispiel für Pierre Krier der Fall war, erbitterte Gegner der Kommuni­sten.

Sympathiekundgebungen für die Oktoberrevolution, die gleichfalls Protestversammlungen gegen die militärische Intervention Großbritanniens, Frankreichs, der USA, Japans und weiterer kapitalistischer Länder gegen Sowjetrussland waren, fanden zwischen dem 5. und 8. November 1919 in Luxemburg, Bettemburg, Differdingen, Esch/Alzette und Rümelingen statt. Die Polizei zählte zusammengenommen zwischen 2.000 und 2.500 Teilnehmer. Es war das letzte Mal, dass Reformisten und Revolutionäre zusammen bei Kundgebungen auftraten. Alle verteidigten zu diesem Zeitpunkt noch die russische Revolution und deren Errungenschaften oder gaben es zumindest vor, allerdings wurde der Riss deutlich, wenn es um einen revolutionären Umsturz in Luxemburg ging und darum, es den russischen Revolutionären nachzumachen und einen radikalen Bruch mit dem Kapitalismus zu vollziehen.

Zwischen Reformismus und Revolution

Das kam während der Kundgebungen zum zweiten Jahrestag der russischen Revolution bereits in einzelnen Redebeiträgen zum Ausdruck. Die Sozialistische Partei verlange keine Revolution, stellte Jacques Thilmany anlässlich der Kundgebung in Esch/Alzette am 7. November fest. Es sei schon ein guter Schritt nach vorwärts getan und sei zu erwarten, dass hierzulande die Arbeiter ohne Gewalt in den Genuss der ihnen zukommenden Rechte gelangen würden. Zwei Wochen später hieß es am 29. November 1919 in der Zeitung der Sozialistischen Partei Luxemburgs »Die Schmiede« unmissverständlich: »Die Parteileitung der Sozialdemokratie Luxemburgs und auch die Schriftleitung dieses Blattes sind nicht für den Anschluß an die Dritte Internationale zu haben, weil sie die bolschewistischen Methoden für unser Land als praktisch wertlos ansehen.«

Aber die Sache war längst nicht entschieden. Auf dem Kongress der Sozialistischen Partei Luxemburgs am 14. Dezember 1919 in Eischen wurde der Antrag, den Edouard Reiland im Namen der Ortsgruppe Bettemburg einbrachte und der von den Ortsgruppen Differdingen und Esch/Alzette unterstützt wurde, von den Vertretern des reformistischen Parteiflügels Joseph Thorn, Jacques Thilmany, Dr. Michel Welter und René Blum heftig zurückgewiesen, und auch bisherige Mitglieder des »Propagandaausschusses für den Beitritt zur III. Internationale« verweigerten ihre Unterstützung. Da keine Einigung über einen Beitritt zur Dritten Internationale erzielt werden konnte, beschloss der Kongress vorerst nur, aus der II. Internationale auszutreten, mit der Kommunistischen Internationale Kontakt aufzunehmen und in Luxemburg die Voraussetzungen für ein Rätesystem zu schaffen. Doch noch war nicht entschieden, welche Richtung die Sozialistische Partei Luxemburgs einschlagen würde.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Mittwoch 6. November 2019