Unser Leitartikel:
Depression: Gute Vorsätze reichen nicht

Am vergangenen Sonntag jährte sich zum 10. Mal der Todestag des deutschen Fußballtorhüters Robert Enke, welcher viele Jahre, größtenteils unbemerkt von der Öffentlichkeit, unter Depressionen litt. Eine nach seinem Namen benannte Stiftung setzt sich fortan unter anderem für die bessere Aufklärung über die mittlerweile zur Volkskrankheit gewordene Depression, die viele Gesichter hat. Viel wurde am letzten Sonntag über Depression geschrieben und gesagt. Was von all den guten Vorsätzen bleibt, wird man sehen.

Von immer noch vielen Medizinern nicht richtig oder gar nicht diagnostiziert und von den Personalchefs als Ausrede zum »Blaumachen« oder »Modekrankheit« tituliert, fristen von Depressionen betroffene Menschen nicht selten ein jahrelanges Leben unter den düsteren Wolken auf ihrem Gemüt, bevor sie endlich an den richtigen Facharzt geraten oder sich die Erkrankung von selbst löst. Letzteres tut sie allerdings, so raten Fachleute, ohne Behandlung im fortgeschrittenen Stadium nur noch äußerst selten.
Die Weltgesundheitsorganisation hatte deswegen vor einiger Zeit die Länder noch einmal dazu aufgefordert, dieses Thema erneut auf die Tagesordnungen zu setzen, denn die neuen Entwicklungen seien alarmierend. Häufig sind es aber auch die Betroffenen selbst oder ihr Umfeld, welche die Erkrankung als »Unpässlichkeit« abtun.

Die Ursachen können in vielen Fällen im privaten Umfeld zu finden sein. Allerdings deuten sehr viele Anzeichen auch darauf hin, daß in vielen Fällen die Erkrankung eben nicht hausgemacht ist, sondern mit einem Ungleichgewicht von Arbeits- und Privatleben zu tun hat, beziehungsweise mit der Situation am Arbeitsplatz. Nicht erst seit Beginn der 1990er Jahre, als das Hamsterrad bereits eine gehörige Stufe schneller geschaltet wurde, sondern auch in den rezenten Jahren seit Beginn der aktuellen Krise, ist festzustellen, daß sich die Qualität der Arbeit diametral entgegen der Profitentwicklungen abwärts entwickelt hat.

Trotz des unendlichen Heeres der Arbeitslosen werden Berufstätige immer weiter belastet und ihr Leben von fremdbestimmten Tätigkeiten eingenommen. Selbstverwirklichung und positive Lebensauffassung werden zunehmend auf harte Proben gestellt. Wer nicht problemlos funktioniert und in der Arbeitswelt aufgeht, bekommt zwangsläufig Probleme, sich in dem System wiederzufinden, trotz sozialer Leckerlis wie Elternurlaub oder ähnlichen Pflästerchen.

Was jedoch dringend benötigt wird, ist ein Umdenken bei der Frage, was die Gesellschaft ausmacht. Dies kann nur geschehen, wenn an den richtigen Hebeln gezogen wird. Denn die Masse der psychischen Erkrankungen mit Ursache im Berufsleben verursacht viel Leid und große Kosten, die nicht von den selben Personen aufgefangen werden, welche die Profite einstecken, die unter solch krankmachenden Arbeitsbedingungen erarbeitet wurden.

Nur eine gerechte Umverteilung des geschaffenen Wohlstands kann dazu führen, daß menschliche Werte über die Interessen einer absoluten Minderheit gestellt werden, die jedoch den Lebensrhythmus von Millionen kontrollieren.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 14. November 2019