Marxismus und Natur

Zerstörerisch oder rationell geregelt: Der sowjetische Wissenschaftler Jewgenij Fjodorow befaßte sich 1972 mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Umwelt

Jewgenij Konstantinowitsch Fjodorow (1910–1981) war ein sowjetischer Geophysiker. 1972 veröffentlichte er in Leningrad das Buch »Die Wechselwirkung zwischen Natur und Gesellschaft«, das 1974 in der DDR im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften auf Deutsch erschien. Ein Auszug:

Die Autoren von »Limits to Growth – Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit« (englisch und deutsch 1972 von Donnella und Dennis Meadows, Jørgen Randers, William W. Behrens III) bestehen auf der Notwendigkeit, ein bestimmtes, langfristiges Ziel zu haben, auf dessen Erreichung die Kräfte der Gesellschaft gerichtet werden müssen, und zwar der gesamten Gesellschaft auf der Erde. Ihrer Meinung nach ist dieses Ziel der Übergang von der unbeschränkten, nicht kontrollierbaren Entwicklung, die, wie die Geschichte zeigt, nach einem Exponentialgesetz verläuft, zu einem Zustand des »Weltgleichgewichts«: »(…) Würde sich die Menschheit ein solches Ziel stellen und ihm zustreben, wäre sie imstande, jetzt den allmählichen kontrollierten Übergang vom Wachstum zu einem globalen Gleichgewicht zu beginnen.«

Der Gleichgewichtszustand, so meinen sie, werde durch die konstante Bevölkerungszahl charakterisiert, d.h. durch den Ausgleich von Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit, durch das konstante Niveau der Industrie und durch die Senkung aller »Einnahmen-« und »Ausgaben«-Elemente der gesellschaftlichen Bilanz auf ein Minimum, also der Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit, der Investitionen und des Ausscheidens von Anlagen und Ausrüstungen usw. (…)

So sieht das etwas idyllische Bild der Zukunft aus, das jedoch nicht mit der Feder eines Träumers und Utopisten gezeichnet wurde, sondern, wie uns die Autoren versichern, im Ergebnis einer Berechnung entstanden sei, die auf der unbestechlichen Logik elektronischer Rechenmaschinen beruhe. Sie weisen darauf hin, daß der durch die Beschränktheit der Erde erzwungene Zustand etwas Anziehendes besitzt. »Der Zustand des globalen Gleichgewichts«, sagen sie, indem sie eine der wichtigsten Schlußfolgerungen ihrer Arbeit formulieren, »kann so projektiert (!) sein, daß die wichtigsten materiellen Bedürfnisse eines jeden Menschen auf der Erde befriedigt werden und jeder Mensch die gleiche Möglichkeit hat, seine individuellen Fähigkeiten zu realisieren.«

Ich bin nicht sicher, ob den verehrten Wissenschaftlern bekannt ist, daß Karl Marx fast genau dieselben Worte benutzt hat, um kurz die kommunistische Gesellschaft zu charakterisieren: »In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 19, Seite 21)

Marx war nicht der Meinung, daß die Gesellschaft, nachdem sie den Kommunismus erreicht hat, in ihrer Entwicklung aufhört, sondern er sah die Notwendigkeit voraus, die Wechselwirkung des Menschen mit der Natur sorgfältig zu regeln.

Er wies darauf hin, daß der Fortschritt von Wissenschaft und Technik zu einer solchen Etappe in der Wechselwirkung der Menschheit mit der Natur führt, in der die Menschheit die Möglichkeit erhält, praktisch die gesamte Außenwelt in die Sphäre der materiellen Produktion einzubeziehen und auf diesem Wege aktiv auf die Umwelt einzuwirken. Er begriff, daß das im Kapitalismus zu einem spontanen, nicht steuerbaren und deshalb gefährlichen Eingriff in die Natur führt und nur die Herstellung des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln und den natürlichen Ressourcen in der Lage ist, die günstigsten Bedingungen für eine bewußte und effektive Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur zu schaffen.

So schrieb er in seinem Hauptwerk, dem »Kapital«, daß »… der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gesellschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn.« (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Band 23, Seite 828)

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Dienstag 19. November 2019