Unser Leitartikel :
Wohnkosten verstärken Ungleichheit

Einen großen Anteil daran, daß sich die soziale Situation in Luxemburg in den vergangenen Jahren »ausschließlich negativ entwickelte« , habe die Explosion der Wohnkosten, die längst auch im Grenzgebiet zu spüren sei, und die ihre Wurzeln vor allem in der Spekulation einiger Weniger auf Kosten der großen Mehrheit habe, erklärte André Roeltgen am Dienstag nach der letzten von ihm präsidierten Nationalvorstandssitzung des OGBL.

Wenn die Regierung nicht kurzfristig Vorschläge mache, den Spekulanten mit einer verbesserten Steuergesetzgebung ihr unsoziales Geschäftsmodell zu vermiesen, so der OGBL-Präsident, sei sie in Sachen Logement »nicht länger ernst zu nehmen« . DP, LSAP und Déi Gréng müßten sich entscheiden, ob sie »Politik für Spekulanten und Superreiche oder für die Luxemburger Bevölkerung und die Grenzgänger« machen wollten.

Auch der Statec hat die beständig steigenden Wohnkosten schon im Frühjahr als wichtigsten Grund für finanzielle Schwierigkeiten von Privathaushalten ausgemacht. Lag der Anteil der Haushalte, denen es schwerfällt, ihre Wohnkosten aufzubringen, im Jahr 2005 bei 28,6 Prozent, so stieg er bis 2017 um mehr als acht Prozentpunkte. Mittlerweile schneidet Luxemburg unter den Ländern der Eurozone mit einem Anteil von 36,8 Prozent hierbei am schlechtesten ab.

Die Wohnkosten drücken die Kaufkraft der Schaffenden deshalb so enorm, weil sie laut Statec mittlerweile 42 Prozent der durchschnittlichen Haushaltsausgaben ausmachen. Selbst wer als Alleinstehender den Medianlohn von rund 3.300 Euro netto bekommt, muß laut Berechnungen des OGBL davon 34,9 Prozent für ein Einzimmerappartement und für eine Einzimmerwohnung sogar 39,3 Prozent aufwenden.

Bei einem Medianlohnbezieher, der ein Kind zu versorgen hat, gehen demnach 37,3 Prozent für eine Ein-, 45,8 Prozent für eine Zweizimmerwohnung und 43,8 Prozent des Einkommens für ein Haus mit zwei Zimmern drauf, bei zwei Kindern sind es bereits 45,8 Prozent für eine Zwei- und 55,8 Prozent für eine Zwei- bis Dreizimmerwohnung bzw. 43,8 Prozent für ein Haus mit zwei Zimmern und 53,8 Prozent für ein Haus mit zwei bis drei Zimmern.

Auch zwei Mindestlohnbezieher ohne oder mit einem Kind stecken laut OGBL rund die Hälfte (37,2 bis 55,7 Prozent) ihres Einkommens in ihre Mietwohnung, bei zwei oder drei Kindern müssen zwischen 55,7 und 65,7 Prozent für eine ausreichend große Mietwohnung, und für ein gemietetes Haus 53,8 bis 63,8 Prozent des Einkommens an den Vermieter abgeführt werden.

Sogar das EU-Statistikamt Eurostat spricht beim Überschreiten der 40-Prozent-Marke von einer »Überbelastung durch Wohnkosten« und gibt den Durchschnittswert der in EU-Europa für Wohnen ausgegebenen Teil der Konsumausgaben im Jahr 2017 mit 21,3 Prozent an.

Da wundert es nicht, daß sich das Risiko, im reichen Luxemburg in die Armut abzurutschen, im Jahr 2017 von 15,8 auf 24 Prozent erhöht hat und das nationale Statistikamt im August eine Studie mit dem Titel »Le logement, amplificateur des inégalités au Luxembourg« veröffentlicht hat.

Bleibt zu ergänzen, wer davon profitiert : Zum Beispiel der Immobilienkonzern Aroundtown, der gestern in Luxemburg mitgeteilt hat, er habe seine Nettomieteinnahmen auch dank Zukäufen in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 22 Prozent auf 555 Millionen Euro gesteigert. Auf gleicher Fläche hätten die Einnahmen um 4,3 Prozent zugelegt, vor allem weil »die Bestandsmieten um 2,4 Prozent gesteigert werden konnten.« 

Oliver Wagner

Oliver Wagner : mercredi 27 novembre 2019