Unser Leitartikel:
Gesundheitsgefahren und Anwesenheitsgedanke

Viel wird in den letzten Monaten von der neuen »Digitalen Revolution« geredet und phantasiert. Sie soll das Arbeitsleben noch »flexibler« gestalten, was immer das auch bedeuten mag, wenn Wirtschaftsbosse dieses Wort benutzen. Der Lohnbeschäftigte sollte jedoch besser die Ohren spitzen, wurden Begriffe wie »Reform« oder »Flexibilisierung« bisher doch nie zu seinen Gunsten ins Spiel gebracht.

In der heutigen Zeit sollte zwar die Forderung nach Arbeitsplätzen, die genug abwerfen, um damit ein ordentliches Leben führen zu können, aufrechterhalten werden. Gleichzeitig jedoch sollte die Arbeit als allein sinnstiftende Lebenstätigkeit vom Podest genommen werden. Schauen wir morgens oder abends in die Gesichter der Menschen, die zu ihren Arbeitsplätzen hasten oder anschließend eilends heim streben, dann sehen wir wohl in den meisten Fällen sorgenvolle Gesichter. Glücklich natürlich, der in seiner Arbeit voll aufgeht. Auf die große Mehrheit trifft dies allerdings kaum zu, schon gar nicht in diesen Zeiten, wo das Ungleichgewicht zwischen Arbeitspflicht und frei nutzbarer Lebenszeit zu kippen droht. Mit verheerenden Folgen für die Gesundheitssysteme und das Zusammenleben. Denken wir mal intensiv über das bestehende System nach, klingt es fast schon surreal, während eines Lebens, das sich so vielseitig gestalten läßt, an den meisten Tagen immer und immer wieder die selbe Tätigkeit auszuführen.

Der alles überlagernde Lohnerwerbszwang hindert viele Menschen an der individuellen Entwicklung. Dazu kommt, daß lange Arbeitszeiten gesundheitliche und geistige Schäden anrichten, deren Behandlung von der Allgemeinheit getragen werden muß, während die durch Mehrarbeit entstandenen Extra-Profite zum größten Teil in die Taschen der Unternehmer wandern. In der Hoffnung, daß sie weitere solcher Arbeitsplätze schaffen, erlässt man ihnen dann auch immer weiter die soziale Mitverantwortung.

Der technische Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten und darüber hinaus hat die Produktivität enorm gesteigert, jedoch für die arbeitenden Massen nicht zu einer Entlastung, sondern im Gegenteil zu einer Arbeitsverdichtung geführt, an deren Resultaten sie kaum teilhaben. Im Gegenteil wird stetig Lohnmoderation gefordert. Aber ist Arbeiten um jeden Preis noch zeitgemäß? Weder die herrschende Politik, noch die Wirtschaft ist bereit dazu, überhaupt an solche Diskussionen zu denken.
Manche Unternehmer lassen sich zur »Schirmherrschaft« von »Grundeinkommen«-Modellen hinreißen, weil die bisher vorgestellten Modelle dieser an sich guten Idee alle eines mit sich brächten: Die völlige Freistellung der Unternehmer von sozialer Verantwortung und gesellschaftlichen Verpflichtungen.

Dabei haben Modellansätze von reduzierten Wochenstunden in manchen Ländern sehr gute Ergebnisse erzielt. Die Gesundheit und die Motivation der Beschäftigten dort entwickelten sich positiv. Zeit für das eigene Leben wird freigeschaufelt.
Ehrenamt und soziale Kreise profitieren eindeutig davon. Und nicht zuletzt der insbesondere hierzulande arg an den Nerven zehrende Straßenverkehr.

Daß den meisten Menschen allerdings nicht klar ist, welcher Weg dorthin der richtige ist, zeigen rezente Wahlresultate und Umfragen zu anstehenden Urnengängen, wo Konservative und ultra-wirtschaftsliberale Kräfte und Parteien von Lohnabhängigen massiv Zulauf bekommen. Eines sollte nämlich klar sein: Fortschritte in der Arbeitswelt fallen nicht vom Himmel und werden nicht geschenkt. Neben dem gewerkschaftlichen Druck müssen auch politisch Weichen dazu gestellt werden.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 28. November 2019