Bauern am Existenzlimit

Mit Tausenden Traktoren nach Paris: Frankreichs Landwirte wehren sich gegen Verelendung

Einige zehntausend Bauern haben am Mittwoch in Paris gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen protestiert. Sie waren aus allen Landesteilen auf mehr als tausend Traktoren Richtung Hauptstadt gefahren und blockierten vor den Toren der Metropole die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte.

Wie aus einem vor drei Wochen veröffentlichten Bericht des Nationalen Instituts für Wirtschaftsforschung (INSEE) hervorgeht, konnten sich mehr als 30 Prozent der selbständigen französischen Landwirte in den vergangenen Jahren kein Gehalt mehr auszahlen. Ihr Jahresergebnis lag demnach entweder bei Null oder sogar im Minusbereich. Die Gewerkschaft FNSEA machte die »verfehlte Agrarpolitik« auf nationaler und auf EU-Ebene für die Misere verantwortlich.

Den Zorn der aufgebrachten Landwirte bekamen vor allem Pendler zu spüren. Mit ihren schweren Fahrzeugen hatten sie bereits um sechs Uhr morgens die meisten Zufahrten nach Paris gesperrt. Der Verkehr auf den Autobahnstrecken der Île-de-France rund um die Hauptstadt kam zeitweise völlig zum Erliegen. Die FNSEA hatte Autofahrer bereits am Vortag gewarnt und die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel empfohlen.

Die Bauern sehen sich, ebenso wie Studenten, Besitzer kleiner Läden und Arbeitslose, für die großen Verlierer der neoliberalen »Reform«-Politik des amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron. Wie INSEE in seinem Bericht erklärt, liege das Durchschnittsseinkommen der Hofbetreiber »im besten Fall« bei rund 1.390 Euro monatlich – also weit unter dem offiziellen nationalen Durchschnitt von rund 2.200 Euro. Und es sei von »sehr starken Ungleichheiten« geprägt. Am schlimmsten benachteiligt seien die Getreidebauern sowie die Züchter von Schafen, Ziegen und Pferden. Die wachsende Armut der Getreidebauern sei zunächst mit der »katastrophalen Ernte des Jahres 2016« sowie einem weltweiten Preisverfall für Weizen, Gerste und Hafer zu erklären. Das durchschnittliche Einkommen in diesem Segment sei bis 2018 auf monatlich unter 1.000 Euro abgesunken.

Ein Jahr nach dem Beginn der vor allem von Vertretern des unteren Mittelstands getragenen Proteste der »Gilets jaunes« gegen »ungerechte« Benzinpreiserhöhungen, sind es nun die Bauern, die sich von Macrons »Maßnahmen zum Schutz der Umwelt« schwer benachteiligt fühlen. Die von der EU sowie der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie dirigierten und erzwungenen Produktionsformen – Monokulturen und Massentierhaltung – haben die Bauernschaft nach Ansicht ihrer Gewerkschaft »in die Ecke der Umweltsünder« gestellt. Für Verbraucher, die gleichzeitig von den Billigpreisen der Supermärkte profitierten, seien die Erzeuger inzwischen »Verpester, Vergifter und Händler des Todes«.

Ebenso wie in Deutschland hätten französische Bürgermeister damit begonnen, das Ausbringen von Gülle und den Einsatz von Pestiziden auf den Äckern nicht nur anzuprangern, sondern womöglich zu verbieten, klagt die FNSEA. Der Massenprotest in Paris sei daher der einzige Weg, auf das tägliche »Agribashing« hinzuweisen. Der Verbraucherwunsch, »weniger aber besser« zu produzieren, zwinge vor allem jene Landwirte in die Knie, die ihren Betrieb über die Jahrzehnte der Agrarpolitik der EU angepaßt hätten. Der Markt verlange plötzlich eine Produktion »ohne Pestizide, mit Gesundheitsgarantie für die Konsumenten, Schutz der Artenvielfalt – aber ohne Preisgarantie«. Bauern seien diesem neuen Druck des Marktes wirtschaftlich und psychisch nicht mehr gewachsen, allein im Jahr 2015 hätten sich 605 Landwirte aus schierer Verzweiflung umgebracht.

Allein Erzeuger von – im Vergleich zu Supermarktpreisen – teuren Bioprodukten und eher dem Luxusbereich zuzuordnenden Waren wie Champagner und edle Weine hätten in den vergangenen Jahren von einer veränderten Agrarpolitik profitiert. So sei insbesondere das Einkommen der Winzer um mehr als acht Prozent auf monatlich rund 2.800 Euro angestiegen. »Ärmlich« sei dagegen der Monatserlös der Tierzüchter. »Am unteren Ende der Leiter« befinden sich nach Angaben von INSEE die Halter von Schafen und Ziegen mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 620 Euro, »knapp über dem amtlichen Existenzminimum« von 550 Euro. Dies sei dem »internationalen Preisverfall« geschuldet. Auch die Rinderzüchter bezögen – selbst nach einer »Verbesserung« um 16 Prozent im Jahr 2017 – nicht mehr als 1.100 Euro im Monat.

Für den fortschreitenden Preisverfall auf dem EU-Markt machten die französischen Landwirte am Mittwoch, ebenso wie ihre Kollegen in den Nachbarländern, auch die von Wirtschaftspolitikern und deren finanzkapitalistischen Hintermännern gewollten und beschlossenen Freihandelsverträge verantwortlich. Am Markt nicht bestehen könnten sie allerdings auch wegen der »rein französischen« Forderungen im Bereich Umweltschutz, die ihre erzeugerischen Möglichkeiten weitgehend einzuschränken drohten.

Hansgeorg Hermann

Bauern demonstrieren auf den Champs-Elysees, Paris, 27. November 2019
(Foto: Philippe LOPEZ/AFP)

Donnerstag 28. November 2019