Unser Leitartikel:
Keine Indextranche

Anders als in Aussicht gestellt, ist im November also doch keine Indextranche erfallen.

Laut statistischem Amt wurde der Schwellenwert von 873.94 Punkten, bei welchem eine Indextranche ausgelöst worden wäre, nicht erreicht. Der semestrielle Durchschnitt, berechnet auf der Grundlage des Index von 1948, habe zum 29. November lediglich 873,93 Punkte betragen, heißt es. Das hat zur Folge, dass die Löhne und Renten im Dezember nicht an die Preisentwicklung angepasst werden.

Angesichts der Beschleunigung der Inflation in der Eurozone im November muss man kein Verschwörungstheoretiker sein, um die Frage aufzuwerfen, an welcher Schraube hierzulande gedreht und welche Preiserhöhung zeitlich ein klein wenig zurückgestellt wurde, um den Erfall einer Indextranche um einen weiteren Monat hinauszuzögern, so dass eine Anpassung der Löhne und Renten um 2,5 Prozent erst im Januar 2020 ausbezahlt wird.

Diese Verzögerung erlaubt es dem Kapital, Millionen einzusparen, während sie für die Lohnabhängigen und Rentner zu einem zusätzlichen Kaufkraftverlust führen wird.
Denn während mit schleichender Inflation über Monate oder während mehr als einem Jahr ein schleichender Kaufkraftverlust erfolgt, werden die Löhne und Renten erst mit viel Verspätung an die Preisentwicklung angepasst, so dass nur ein Teil des Kaufkraftverlustes wettgemacht wird.

Die Vorschuss-Indextranche von 1,5 Prozent, welche die KPL fordert, weil damit zum großen Teil Kaufkraftverlust verhindert werden kann, wurde 1981 von CSV und DP suspendiert und von der LSAP, anders als sie das zuvor versprochen hatte, nicht wieder in Kraft gesetzt, und die heutige Regierung von DP, LSAP und déi Gréng denkt nicht daran, eine solche gesetzliche Bremse für den Kaufkraftverlust zu schaffen.
Für viele ist der Kaufkraftverlust größer als der Durchschnitt, weil die Mietpreise, aber auch die Preise für bestimmte Konsumartikel und Lebensmittel, die tagtäglich gebraucht werden, schneller steigen, als die durchschnittliche Inflation. Das trifft die Lohnabhängigen und Rentner mit kleinem Einkommen am heftigsten, weil sie einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Lohnes oder ihrer Rente zu diesem Zweck ausgeben.

Da ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der Menschen, die von Armut bedroht sind und Schwierigkeiten haben, die beiden Enden zum Monatsende zusammenzubekommen, immer weiter zunimmt, ohne dass die Regierung allerdings Maßnahmen ergreifen würde, um dem entschieden entgegen zu wirken.

Die kürzlich veröffentlichten Dringlichkeitsforderungen der KPL, darunter ein Mietstopp von zwei Jahren, eine Anpassung des Mindestlohnes um 14 Prozent, eine Erhöhung der Mindestrente auf 2000 Euro und die Anpassung der Familienzulagen an die Lebenshaltungskosten zeichnen den Weg vor, der zu gehen wäre, der ohne politischen und gewerkschaftlichen Druck aber versperrt bleiben wird.

Denn von den drei Regierungsparteien, die zusammen mit der CSV den Index während der Jahre 2012 und 2013 derart manipulierten, dass die Lohnabhängigen und Rentner um fast 500 Millionen Euro Kaufkraft betrogen wurden, ist nicht zu erwarten, dass sie wenige Jahre später freiwillig etwas gegen die wachsenden Ungerechtigkeiten tun werden.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Freitag 29. November 2019