Gegen die faschistische Lega Italiens formiert sich neuer Widerstand:

Die »Sardinen«-Bewegung

Gegen die wachsende Gefahr einer drohenden Machtergreifung der faschistischen Lega formiert sich in Italien eine neue Bewegung, die sich »Sardinen« nennt. In Protest-Kundgebungen, die inzwischen Zehntauende Menschen anziehen, erklären sie als ihr Ziel, den von der Lega Matteo Salvinis verfolgten Rassismus in jeder Form zu bekämpfen. Da die Mitglieder der Bewegung sich bei ihren immer friedlich gestalteten Protesten eng aneinanderreihen, leiten sie ihren Namen von den kleinen Ölsardinen ab, die in einer Dose konserviert werden. Sie verurteilen jede Verfolgung von Ausländern, Menschen anderer Hautfarbe, Religionen, treten für ein friedliches Zusammenleben aller Sprachgruppen und Kulturen ein.

Es sind Linke aus unterschiedlichen Parteien, Sozialdemokraten, Enttäuschte der Fünf Sterne-Bewegung (M5S) aber auch anderer Oppositionsparteien. Zu ihren Kundgebungen kommen auch Katholiken, darunter eine aus dem Fernsehen bekannte Nonne Schwester Giuliana. Sie singen die National-Hymne (»Brüder Italiens«), das legendäre Partisanenlied »Bella ciao«, oder Songs aus regionalen Repertoires.
Sie machen dem Lega-Führer die Massen streitig und wollen einen Wahlsieg, für den ihn Umfragen derzeit 33 Prozent Stimmen voraussagen, verhindern. Wo immer er auftaucht, sind sie auch. Aufsehen erregte es, als am 14. November Salvini in Bologna im Sportpalast auf einer Veranstaltung zu den Regionalwahlen am 26. Januar 2020 seine »Politik des Hasses« propagierte, und vor dem Sportpalast 12.000 bis 15.000 Menschen dagegen demonstrierten. Am vergangenen Samstag waren es in Florenz, wo Salvini eine Kundgebung zu den Regionalwahlen in der Toskana abhielt, laut Angaben der Veranstalter 50.000, die gegen ihn demonstrierten. In Genua, Reggio Emilia, Verona, Piacenza und zahlreichen weiteren Städten waren es laut Nachrichtenagentur ANSA wieder Zehntausende.

Sie protestierten gegen Haß und Zwietracht, die der Lega-Führer verbreitet, für eine friedliche, solidarische Gemeinschaft, hielten unzählige Plakate mit darauf gemalten Sardinen oder selbst gebastelte Figuren dieser Fische auf Pappe oder Blech hoch. In Palermo war der Antimafia-Veteran und Bürgermeister Leoluca Orlando unter ihnen. Das linke »Manifesto«, schreibt, »sie nehmen Salvini das weg, was er so dringend braucht, die Massen fürs tägliche Bad in der Menge«. Der linksliberale »Fatto Quotidiano« zitiert den britisch-italienischen Historiker Paul Ginsborg, »endlich tut sich wieder etwas im Land«.

Die »Sardinen« kritisieren den Verfall der Linken, daß dieser gefährliche Vormarsch der Rassisten nicht aufgehalten wurde, sie wollen ein Beispiel von Protestkultur geben, ohne beleidigende Ausfälle. In einem Manifest, das sie auf ihren Kundgebungen verbreiten, heißt es: »Liebe Populisten, die Party ist aus. Wir haben Euch viel zu lange das Feld überlassen, weil wir überrascht und entsetzt darüber waren, wie weit Ihr geht (…) wir sind viele und viel stärker als Ihr. Ab jetzt findet ihr uns überall. Willkommen auf hoher See.«

Es gibt keine Bühnen für prominente Redner, sondern nur ein Mikrofon – für jeden, der etwas sagen will. »Wir sind es leid, Dinge für normal zu halten, die nicht normal sind. Die Gewalt, den Haß«, sagt eine junge Frau auf einer der Kundgebungen.
Die Bewegung erobert das Internet, um der jahrelang geduldeten Hetze der Lega im Netz, den Beleidigungen, dem Zerstören des Lebens von Menschen Einhalt zu gebieten, hieß es bei einem der ersten Flashmobs. Innerhalb einer Woche hatte ihre erste Facebook-Seite »L’Arcipelago delle Sardine« 46.000 »Freunde«. Binnen kurzem stieg die Zahl auf mehr als 160.000 an. Eine weitere Seite »6000 sardine« verzeichnete allein am Sonntag über 128.000 Klicks.

Sprecher der »Sardinen« ist der 32-jährige Politik-Wissenschaftler Mattia Santori, ein Sportlehrer aus Bologna. Er hat mit Freunden, den früheren Hochschulabsolventen Giulia Trappoloni, Andrea Garrefa und Robert Morotti die Bewegung ins Leben gerufen. Die Veranstalter sind gegen das Zeigen politischer Symbole oder Fahnen von Parteien auf ihren Kundgebungen.

Die Proteste der »Sardinen« gegen den Rassismus Salvinis sind eine bedeutungsvoller Widerstand gegen eine drohende Machtergreifung der Lega. Zu sehen ist aber auch, daß es bisher eine reine Protestbewegung ist, die im Grunde klassenindifferent agiert, die Verwurzelung der Lega als Interessenvertreter einflußreicher Kapitalkreise nicht thematisiert und generell Verbindungen zu politischen Parteien, Gewerkschaften oder sonstigen Interessenvertretungen, also Bündnisse ablehnt. Die »Sardinen« haben ihren Namen beim EU-Patentamt registrieren lassen. In der gegenwärtig laufenden Kampagne zu den Regionalwahlen, die am 26. Januar in der Emilia Romagna und im südlichen Kalabrien stattfinden, haben sie weitere Veranstaltungen angekündigt, darunter am 14. Dezember in Rom. Selbst in New York wollen sie mit etwa 200 Teilnehmern auftreten. Die Frage ist offen, ob die »Sardinen« zu den Regionalwahlen antreten werden.

Gerhard Feldbauer

Mehrere Tausend Mitglieder der »Sardinen«-Bewegung haben am Sonntag sich zum Protest gegen Salvini vor dem Mailänder Dom versammelt (Foto: Nicola Marfisi/ANSA/AP/dpa)

Dienstag 3. Dezember 2019