Vom Holzscheit zur Delikatesse:

Die »Bûche de Noël« im Laufe der Zeit

Spätestens wenn die alljährlichen Weihnachtsmärkte allerorts eröffnen, kündigt sich traditionsgemäß Weihnachten an und die Menschheit freut sich auf das anstehende Fest. Viele freuen sich allerdings besonders in unseren Regionen auch auf die schmackhafte Kalorienbombe »Bûche de Noël«, oder die »Büsch« schlechthin, welche bei keinem Festmahl fehlen darf. Sie gibt es inzwischen in unzähligen Variationen und dem Einfallsreichtum der Konditoren sind keine Grenzen gesetzt.

Optisch erinnert das Gebäck an ein Stück Baumstamm und besteht aus einem feinen Biskuitteig, welcher, mit einer sämigen Buttercremefüllung bestrichen, zylinderartig eingerollt ist. Meist wird an der Rolle noch ein Seitenstück angesetzt. Als weihnachtliche Dekoration werden dem Baumstamm Puderzucker als Schnee, Marzipanzapfen und Pilze, Schneemänner und Rentiere aufgesetzt.

Die Geschichte der »Bûche de Noël« ist eine höchst eigenartige und es lohnt sich einen kurzen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen.

Vom Baumstamm zur Biskuitrolle

Wer das weihnachtliche Gebäck erfunden hat, ist bis heute weiterhin unklar. Erwiesen ist allerdings, daß ihre Tradition in heidnischen Bräuchen wurzelt. Besonders in den nördlichen europäischen Regionen feierten die ehemaligen Naturvölker alljährlich die ihnen schon bekannte Wintersonnenwende mit Feuerfesten, bei denen Holzscheite aufgestapelt und entzündet wurden, Lagerfeuer um die sich die Familiensippen versammelten und feierten.

Trotz Unterdrückung durch die Katholika im Mittelalter konnte der heidnische Brauch aufrecht erhalten werden, verlagerte sich allerdings in die Häuser hinein, in denen zunehmend offene Kamine eingebaut wurden. Zum Winteranfang wurde ein festlich dekorierter echter Baumstamm hineingebracht, welcher abgebrannt und nach und nach tiefer in die Feuerstelle geschoben wurde.

Später hielten Öfen Einzug in die Wohnungen und das eingebrachte Holz mußte zerkleinert werden. Um aber weiterhin die Erinnerung an die tausendjährige Tradition wach zu halten, ersannen findige französische Bäckermeister im 19. Jahrhundert ein Gebäck, welches dem Ast eines Baumstammes nachempfunden war. Dieses wurde nicht im Ofen verheizt, sondern konnte zur Weihnachtszeit verspeist werden. Die Weihnachts-»Bûche« war geboren.

Wer allerdings den ersten Biskuitboden mit Buttercreme einschmierte und zusammenrollte ist nicht erwiesen. Hinweise gibt es auf einen Konditorei-Lehrling der »La Vieille France« in »Saint-Germain-des-Prés« in Paris aus dem Jahre 1834. Ein »gerollter Weihnachtskuchen« aus der französischen Region »Poitou-Charentes« ist ebenfalls schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Manche vermuten allerdings den Ursprung der heutigen üblichen Rolle beim Chocolatier Felix Bonnat aus Lyon (1860), in dessen Rezeptheft von 1884 ein Rollkuchen mit Ganache aus dem Jahre 1860 beschrieben wird. Weitere Quellen verweisen auf Antoine Charadot aus der Pariser »rue de Buci« (1879) oder Pierre Lecam, den Konditor- und Speiseeismeister des Prinzen Karl III. aus Monaco (1898).

Die »Bûche de Noël« als »Bismarckeiche«

Die französische Version der »Bûche de Noël« hielt in vielen Ländern weltweit Einzug. In Britannien ist sie als »Yule log« bekannt und erinnert vorzüglich an die nordisch-heidnische Herkunft der Gebäckrolle. »Yule«, in Skandinavien auch »Jul«, war die Bezeichnung des germanischen Festes zur Wintersonnenwende – später Weihnachten – und »Log« bezeichnete ein Gerät zum Messen der Fahrgeschwindigkeit eines Schiffes, bestehend aus einem daran befestigten schweren Holzstück.

Bei den Flamen kommt der »Kerststronk«, der »Weihnachts-Baumstumpf«, auf die festliche Tafel, und bei unseren deutschsprachigen Nachbarn der »Weihnachtsholzscheit« oder »Weihnachtsbaumstamm«, der »Weihnachts-« oder »Julscheit«, in der heutigen Zeit auch vielfach eine »Weihnachtsrolle«. Ehemals wurde sie allerdings als deutsche »Bismarckeiche« zum Weihnachtsfest aufgetischt.

Die wundersame und einfallsreiche französische gastronomische Kuchenkreation eroberte Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts zur Zeit der deutschen Reichsgründung im Jahre 1871, als daselbst ein Kult um den ersten Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck ausbrach. Sein Name steht bis heute als Namensgeber so mancher Ortschaften, Denkmäler, Gebäude, Gewächse und Vereine. Im Bereich der Nahrungs- und Genußmittel überlebten bis in die heutige Zeit Bismarck-Heringe, Gurken, Äpfel, Sonnenblumen und Zigarren und auch die Bismarckeiche.

Historiker vermuten, daß der deutsche Name des französischen Weihnachtskuchens zu jener Zeit Spöttisches an sich hatte. Parallelen tun sich auf mit der Historie des »Croissant«, dem Hörnchen, welches nicht aus Frankreich stammt sondern von Wiener Bäckermeistern geschaffen wurde, nachdem gleich zwei Belagerungen der Stadt Wien durch die Türken abgewehrt werden konnten. Der türkische Halbmond als Staatssymbol konnte nun als Halbmondgebäck »verputzt« werden!

Wie dem auch sei, wir lassen uns in ein paar Tagen die weihnachtliche »Büsch« zu Weihnachten gut munden.

Pierre Buchholz

Der Fantasie des Konditormeisters sind keine Grenzen gesetzt

Donnerstag 19. Dezember 2019