Unser Leitartikel:
Warten auf die Indextranche

Es sollte wohl als Weihnachtsgeschenk zu verstehen sein: Am 24. Dezember teilte das statistische Amt mit, die Inflationsrate für Dezember werde voraussichtlich 1,7 Prozent betragen, so dass der semestrielle Durchschnitt des Index vom 1. Januar 1948, der für die Anpassung der Löhne an die Preisentwicklung gilt, die Schwelle von 873,94 Punkten überschreiten werde, so dass eine Indextranche erfallen werde. Das definitive Resultat des Preisindex werde allerdings erst am 10. Januar 2020 nach der Zusammenkunft der Indexkommission bekannt gegeben.

Den Lohnabhängigen und Rentnern war bereits für November der Erfall der Indextranche und damit eine Anpassung der Löhne und Renten um 2,5 Prozent an die Inflation in Aussicht gestellt worden. Aber dann hatte der semestrielle Durchschnitt des Index, zu einem Zeitpunkt, da sich die Inflation in der Eurozone beschleunigt hatte, wie ein Wunder bei 873,94 Punkten halt gemacht, womit die Schwelle für den Erfall einer Indextranche um 0,01 Punkte verfehlt wurde.

0,01 Punkte ist recht wenig, hat in diesem Fall aber eine große Wirkung, denn rund 450.000 Lohnabhängige und knapp 100.00 Rentner mussten damit für Dezember auf eine Anpassung ihres Einkommens in Höhe von 2,5 Prozent verzichten. Das Patronat spart hingegen fast 20 Millionen Euro an Lohnkosten, aber auch für den Staat führt diese Verzögerung zu einer Ersparnis von mehreren Millionen Euro.

Das dürfte die Unternehmer, wenn die Indextranche am 10. Januar definitiv bekannt gegeben wird, keineswegs daran hindern, die üblichen Seitenhiebe gegen die Indexierung der Löhne zu verteilen. Zu den Behauptungen, mit denen immer wieder versucht wird, die Öffentlichkeit irrezuführen, zählt auch die Lüge, der Index treibe die Preise in die Höhe und befeuere die Inflation.

Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen, sei darauf hingewiesen, dass mit dieser Argumentation die Wahrheit auf den Kopf gestellt wird. Richtig ist vielmehr, dass der Index eine nachträgliche Anpassung an die bereits stattgefundene Preisentwicklung ist. Es ist ein Mechanismus, der darauf abzielt, den Kaufkraftverlust, den die Lohnabhängigen und Rentner wegen der von den Betrieben, Geschäften und Verwaltungen bereits vorgenommenen Preiserhöhungen zu spüren bekommen, im Nachhinein – also zu einem späteren Zeitpunkt – auszugleichen.

Weil zwischen zwei Indextranchen oft eine lange Zeit vergeht, während der die Lohnabhängigen und Rentner einem schleichenden Kaufkraftverlust ausgesetzt sind, fordern OGBL, ULC, KPL und andere politische und soziale Vereinigungen die Wiedereinführung einer Vorschussindextranche von 1,5 Prozent.

Diese Vorschussindextranche hatten CSV und DP im Jahre 1982 suspendiert, und die LSAP, die versprach, die Indexmanipulation von 1982 rückgängig zu machen, sollte sie 1984 Regierungsverantwortung übernehmen, schaffte die Vorschussindextranche in Wirklichkeit dann definitiv ab. Das, aber auch die verschiedenen Indexmanipulationen und die Desindexierung der Familienzulagen seit 2006 sind drei von vielen Beispielen dafür, dass die LSAP in der Regierung keineswegs ein Garant für sozialen Fortschritt ist.

Erinnert sei hier aber auch daran, dass die Funktion des Indexmechanismus einzig und allein dazu da ist, um die Kaufkraft zu erhalten, nicht aber, um den geschaffenen Reichtum umzuverteilen oder Kaufkraftunterschiede zu verringern. Um das zu erreichen, muss für eine Erhöhung der kleinen Löhne und Renten, für mehr und bessere Kollektivverträge und für eine Umverteilung von Oben nach Unten gestritten werden.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Freitag 27. Dezember 2019