Irans Punktgewinne

Konflikt im Mittleren Osten

Natürlich waren selbstzufriedene Töne aus Washington zu hören, als klar war, daß der iranische Vergeltungsangriff auf zwei Militärstützpunkte im Irak ohne Todesopfer sowie mit relativ geringen materiellen Schäden über die Bühne gegangen war. »Alles gut!« hatte USA-Präsident Donald Trump kurz danach getwittert; in seiner offiziellen Stellungnahme prahlte er – wie üblich –, »die amerikanische Bevölkerung« solle »äußerst dankbar und glücklich« sein: »Der Iran scheint klein beizugeben.« Sein Vizepräsident Michael Pence pflichtete ihm bei und erklärte, er sei der Auffassung, »daß wir heute sicherer sind« als vor dem Mord an Ghassem Soleimani. Solche Äußerungen waren zu erwarten.

Von Weitsicht zeugen sie freilich nicht. Denn rein strategisch betrachtet, hat der Iran Punktgewinne erzielt. Zunächst hat Teheran es erreicht, den Konflikt von der militärischen Ebene, auf der es nur verlieren kann, auf die politische Ebene zurückzuholen. Dazu genügte es, vor dem Angriff zu warnen, um Todesopfer zu vermeiden, und zudem auf den Militärbasen nur Gebäude mit geringerer Bedeutung zu beschießen. Diese wurden allerdings, nach Einschätzung von USA-Experten, mit erstaunlicher Präzision getroffen. Im Pentagon dürfte deutlich geworden sein, daß nach einer weiteren militärischen Provokation seitens der USA Zinksärge nach Washington ausgeflogen werden.

Auf der politischen Ebene hat der Iran wichtige Positionen gehalten. Präsident Hassan Ruhani hat bekräftigt, das Land werde weiterhin mit der Internationalen Atomenergieagentur kooperieren und für die Rückkehr aller Seiten zum Atomabkommen werben. Damit sichert er die Zusammenarbeit mit der EU, die zwar keinerlei positive Erträge bringt, aber doch immerhin Reibungsverluste im Westen schafft. Was die Al-Kuds-Brigaden angeht: Deren neuer Kommandeur Esmail Ghaani hat bekräftigt, er werde den Kurs seines ermordeten Vorgängers fortsetzen. Das ist glaubwürdig, denn Ghaani wirkte seit 1997 als Soleimanis Stellvertreter und damit als sein engster Mitarbeiter.

Soleimanis Ziel ist es stets gewesen, die USA aus dem Mittleren Osten zu vertreiben. Ghaani hat offiziell erklärt, in der »Entwurzelung der USA« in der Region werde letztlich die Rache für den Drohnenmord bestehen. Die Chancen dafür, daß die »Entwurzelung« gelingt, sind gestiegen. Das irakische Parlament fordert in einer Resolution den Abzug sämtlicher ausländischer Truppen. Und irakische Abzugsgegner haben seit dem Mord einen schweren Stand. Trump hat sich bereits veranlaßt gesehen, mit Sanktionen zu drohen, um Bagdad zur Aufrechterhaltung seiner angeblich freiwilligen Einladung an die USA-Streitkräfte zu bewegen. Einige westliche Staaten sowie die NATO haben einen Teil ihrer Einheiten bereits aus dem Land geholt. Selbst wenn sie noch eine Weile Bestand haben sollte: Die Präsenz westlicher Militärs im Irak ist nicht mehr selbstverständlich.

Jörg Kronauer

Freitag 10. Januar 2020