Hört mit dem Schönreden auf!

Er steht kurz vor Schichtschluss an der Drehbank und wartet auf die Ablöse. Nur noch wenige Minuten, und er kann endlich nach Hause. Umso größer ist sein Unmut, als ihm mitgeteilt wird, dass er seinen Posten bis auf weiteres nicht verlassen darf, da der Arbeitskollege, der ihn ablösen sollte, noch nicht eingetroffen ist. Es sieht also alles danach aus, als wenn ihm, ähnlich wie schon Tage zuvor, erneut völlig unerwartet Überstunden aufgezwungen würden. Dabei liegt sein letzter freier Arbeitstag schon fast drei Wochen zurück.

Erfreut zeigt sich auch der LKW-Fahrer nicht, der, bevor er nach Schichtschluss seinen LKW in den Firmenhof abstellen wollte, mit einer zusätzlichen Fahrt beauftragt wurde. Dies, weil einer seiner Kollegen, der für diese Fahrt vorgesehen war, wegen Personalmangel mit einer anderen Aufgabe beauftragt wurde.

Kaum besser ist die Stimmung unter den Beschäftigten einer größeren Baufirma, die schon seit Wochen angehalten sind, trotz Kälte und Nässe, täglich über die eigentliche Schichtdauer hinaus Präsenz zu zeigen, da sonst die vom Bauherr vertraglich festgelegten Termine kaum einzuhalten wären.

Unzufrieden sind auch die Beschäftigten eines in der Gastronomie tätigen Unternehmens, denen im Dezember mehrfach Überstunden aufgezwungen wurden, die geschuldeten Zuschüsse allerdings größtenteils nicht verrechnet bekommen. Wetten, dass die Betroffenen dies nicht so ohne weiteres schlucken würden, wenn die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht so dramatisch wäre?

Abschließend noch ein Wort über die immer größer werdenden Beschwerden zahlreicher Mitarbeiterinnen einer Supermarktkette, denen Überbelastung und Erschöpfung aufgrund der zunehmenden Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitszeitregelung – an sechs Wochentagen häufig wechselnde und längere Arbeitszeiten, sowie zunehmende Arbeit an den Wochenenden – immer mehr zu schaffen machen. Nicht nur gelingt es ihnen kaum noch Beruf, Freizeit und Familienleben unter einen Hut zu kriegen, auch klagen sie immer häufiger über gesundheitliche Probleme.

Einige Beispiele von vielen, die in aller Deutlichkeit belegen wie sehr sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren quer durch alle Wirtschaftssektoren verschlechtert haben. Besonders in Betrieben, in denen es keinen Kollektivvertrag gibt – davon betroffen sind immerhin mehr als die Hälfte aller arbeitenden Menschen – oder in Betrieben, in denen die Gewerkschaften nicht stark genug vertreten sind.
So, und nicht anders sieht derzeit die Situation hierzulande in zahlreichen Betrieben aus. Und da wollen uns Patronatsorganisationen, Regierung und Meinungsforschungsinstitute allen Ernstes weismachen, in Luxemburg wären die Arbeitsbedingungen besser als im nahen Ausland, und der Großteil aller Beschäftigten würde dem Patronat gute Noten bescheinigen.

g.s.

Gilbert Simonelli : Freitag 10. Januar 2020