Noch mehr Soldaten

Frankreich wird Krieg im Sahel ausweiten. »Europäische Spezialeinheiten« sollen helfen

Frankreich wird seinen Militäreinsatz in der südwestlichen Sahelzone auch gegen den Willen der dort lebenden Menschen ausweiten. Beim Gipfeltreffen der Staatschefs der sogenannten G-5-Sahelstaaten in der Pyrenäenstadt Pau hat der französische Präsident Emmanuel Macron am Montagnachmittag angekündigt, Frankreich werde demnächst zusätzliche 220 Soldaten in den Norden Malis schicken, eines der am schwersten umkämpften Kriegsgebiete. Betroffen von der seit 2013 andauernden mörderischen Auseinandersetzung zwischen den 4.500 Mann starken »regulären«, von Paris entsandten Truppen und verschiedenen Dschihadistenmilizen sind neben Mali auch Mauretanien, Niger, Tschad und Burkina Faso.

Der Gipfel diente Macron nach allgemeiner Einschätzung vor allem dazu, sich den Kriegseinsatz der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich in Afrika von den Führern der fünf Staaten bestätigen zu lassen. Hintergrund ist der in der Bevölkerung vor allem Malis wachsende Unmut und Widerstand gegen die im angeblichen »Krieg gegen den Terror« bisher erfolglosen »Helfer« aus Europa. Die Pariser Tageszeitung »Le Monde« zitierte am Montag eine im vergangenen Dezember in der nach Unabhängigkeit von Mali strebenden Provinz Bamako durchgeführte Meinungsumfrage: 89 Prozent der dort unter ständiger Bedrohung lebenden Menschen hätten demnach einen Eingriff Rußlands befürwortet, »um endgültig aus der Krise zu kommen«. Die »Hilfe« der Franzosen werde inzwischen von 80 Prozent der Befragten als »unerwünscht« bezeichnet.

Die von den G-5-Staatschefs »gemeinsam verabschiedete Erklärung« läßt diese Stimmungslage außer Acht. Neben der nüchternen Feststellung, die fünf Länder hätten »die Fortsetzung des französischen Engagements im Sahel gewünscht«, werden die Staaten der Europäischen Union aufgefordert, sich am Krieg zu beteiligen. Eine zukünftige Formation »europäischer Spezialkräfte« werde sich unter dem Namen »Takuba« in das »gemeinsame Kommando integrieren«, heißt es in der Erklärung. Die bereits in Afrika eingesetzten französischen Spezialeinheiten sowie Soldaten der »gemeinsamen Einsatztruppe der G5« sollen »ihre militärischen Anstrengungen« in den Grenzgebieten zwischen Burkina Faso, Mali und Niger »konzentrieren«, selbstverständlich unter der Führung der Franzosen.

Macron bedauerte in einer Pressekonferenz den vom USA-Präsidenten Donald Trump angekündigten Rückzug von USA-Truppen aus Afrika. Rund 7.000 derzeit vor allem in Somalia stationierte Soldaten sollen nach Angaben des Generals Mark Milley künftig die USA-Armee im Pazifik verstärken. Der französische Präsident will Trump »überzeugen, daß der Kampf gegen den Terrorismus sich auch in dieser Region abspielt und sich das Subjekt Libyen nicht von der Situation im Sahel und im Tschad trennen läßt«.
Frankreich hat seit seiner ersten Intervention im Frühjahr 2013 schon 41 Soldaten verloren. Zuletzt waren im vergangenen November 13 Einsatzkräfte bei einem Hubschrauberunfall ums Leben gekommen und in Paris mit enormem Pomp als »Helden« und »für Frankreich gefallene Beschützer der Freiheit« zu Grabe getragen worden.

Die Verherrlichung des französischen Kriegs als »Kampf für die Freiheit« zieht bei der betroffenen afrikanischen Bevölkerung allerdings nicht mehr. Die Gipfelkonferenz sei daher als Antwort auf das »Anwachsen antifranzösischer Gefühle« zu verstehen gewesen, analysierte »Le Monde« am Dienstag. Vor allem die Menschen in Mali sähen in der Anwesenheit französischer Truppen eine »Einmischung« in afrikanische Angelegenheiten und damit verbundenen »Neokolonialismus«.

Die am Montag in Pau laut Presseerklärung »gefestigte« Kriegsallianz soll unter ihrem bisherigen Namen »Barkhane« künftig »in einem neuen politischen, strategischen und operationellen Rahmen« den Einsatz koordinieren.

Hansgeorg Hermann,
Paris

Präsident Macron mit den Präsidenten aus Mali, Burkina Faso, Niger, Mauretanien und Tschad am Montag im Chateau de Pau (Foto: Guillaume HORCAJUELO/POOL/AFP)

Mittwoch 15. Januar 2020