»Ons Schueberfouer«

Winterliche »Fouer«-Atmosphäre im Stadtmuseum

Noch bis Ende März kann im »Lëtzebuerg City Museum« der Stadt Luxemburg die interessante Ausstellung »Ons Schueberfouer« besichtigt werden, welche in diesen Wintertagen ein wenig »Fouer-Flair« in die Gemüter der Besucher bringen soll. Abseits des alljährlichen sommerlichen Rummels Ende August auf dem Limpertsberger »Glacis« bietet sich die Gelegenheit, in aller Ruhe und mit ein wenig Abstand etwas tiefer in die Geschichte sowie die Traditionen und das Wesen des größten Volksfestes in der Großregion einzutauchen, ihren geschichtlichen Spuren nachzugehen und die Entwicklung ihrer fast 700-jährigen Geschichte zu erkunden. Zur Ausstellung, welche endgültig am kommenden 29. März ihre Pforten schließt, wollen wir die verantwortlichen Kuratoren und Mitarbeiter, welche in monatelangen Vorbereitungen die Exponate zusammentrugen, zu Wort kommen lassen.

Ein Jahrmarkt wie kein anderer

Die »Schueberfouer« wurde 1340 von Johann dem Blinden, König von Böhmen und Graf von Luxemburg, als Handelsmesse gegründet und ist inzwischen mit geschätzten über zwei Millionen Besuchern die größte Festveranstaltung des Landes. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie zu einem reinen Vergnügungsjahrmarkt, der alljährlich im Spätsommer auf dem »Glacis« stattfindet. Die »Schueberfouer« ist ein generationen- und schichtenübergreifendes Ereignis, mit dem viele Luxemburgerinnen und Luxemburger Kindheits- und Jugenderinnerungen verbinden. Die Ausstellung zeichnet die Entwicklung der Veranstaltung von der mittelalterlichen Messe mit regionaler Bedeutung hin zu einem modernen Volksfest nach.
Diese verlief ähnlich wie bei anderen Veranstaltungen dieser Art in Europa, und dennoch weist die »Schueberfouer« Besonderheiten auf: Neben der unmittelbaren Nähe des Festplatzes zum Stadtzentrum ist auch der internationale Charakter der »Fouer« außergewöhnlich. Die Schausteller kommen heute u.a. aus Luxemburg, Frankreich, Belgien, Deutschland und den Niederlanden, und dementsprechend spiegeln die Restaurants und Süßwarengeschäfte verschiedene europäische Eßkulturen wider. Da der Jahrmarkt zu den wichtigsten in Europa zählt, gastieren dort regelmäßig die bedeutendsten Fahrgeschäfte. Die relative Enge der Standplätze auf dem nur 4,4 Hektar großen Gelände schafft eine einzigartige, dichte Atmosphäre.

Großen Raum nehmen in der Schau auch allgemeine Aspekte der Geschichte des Schaustellerwesens ein, insbesondere die technischen Veränderungen bei den Fahrgeschäften, veranschaulicht durch nostalgische Karusselltiere, Schiffsschaukeln oder Achterbahn-Chaisen. Historische Fotos, Postkarten, Plakate und Filmaufnahmen geben Einblick in die Vergnügungen vergangener Zeiten, zu denen Moritatensänger wie die berühmten »Seckbachs«, Kinematographen oder auch exotische Tier- und »Eingeborenen«-Schauen zählten. Regelrechte Stargäste auf der »Schobermesse« waren um 1900 der international erfolgreiche Kraftmensch John Grün sowie Buffalo Bill aus den USA mit seiner »Wild-West«-Show.

Ein eigener Raum zeigt die »Fouer« aus ungewohnter Perspektive, in Form von drei künstlerischen Positionen heutiger Fotografen. Interviews mit Schaustellern, deren Geschäfte bereits seit mehreren Generationen auf dem Fest präsent sind, vermitteln einen Eindruck vom Leben der »Forains«.

Die »Schueberfouer« hat im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe mit ihr verbundener Traditionen hervorgebracht, wie z.B. den Bürgertag oder den Bauernsonntag. Der Jahrmarkt mitsamt seinem besonderen Brauch des »Hämmelsmarsches« steht seit 2008 im nationalen Inventar des immateriellen Kulturerbes. Darüber hinaus kommt dem Ereignis mit seinen ca. 3.000 Mitarbeitern und einem Umsatz in Millionenhöhe eine große wirtschaftliche Bedeutung zu.

Originale Gründungsurkunde

Die Ausstellung erstreckt sich über ein ganzes Stockwerk und gliedert sich in acht verschiedene Themenbereiche. Zum geschichtlichen Ursprung der »Schobermesse« kann die Original-Urkunde aus dem Jahr 1340 bewundert werden, mit der Johann der Blinde den alljährlichen Markt in Luxemburg begründete und besiegelte. Er verlieh damit der damaligen Stadt das Recht, jährlich eine achttägige Handelsmesse abzuhalten.

Besonders der Wollhandel stand am Anfang der Messe im Mittelpunkt, ehe neben dem auch ein Viehmarkt entstand. In unmittelbarer Nähe zu der wichtigen Handelsstraße zwischen Oberitalien, Straßburg, Brabant und Flandern gelegen, wuchs im Großherzogtum der Erfolg der Messe. Auch heute noch befindet sich die »Schueberfouer« fast mitten in der Stadt auf dem Glacis und nicht, wie vielfach andere Jahrmärkte, auf der grünen Wiese.

Im Laufe der Jahrhunderte verlor der Markt allerdings an Bedeutung und verwandelte sich immer mehr zu einem Vergnügungsjahrmarkt wie wir ihn heute kennen. An den ursprünglichen Markt erinnern heute lediglich einige »fliegende Händler«, die »Camelots«, welche weiterhin »Kamelott«, »Kreemchen« oder »Krom«, als vermeintlich ironisch gepriesene »marchandises de piètre qualité«, anbieten und sich zwischen die modernen Fahrgeschäfte und die Gastronomie-Betriebe zwängen.

Museumsbesucher wundern sich heute über die zahlreichen Traditionen und Bräuche, welche aus der jahrhundertalten »Schobermesse« entstanden und heute weitgehend verschwunden sind. So fand am Bartholomäustag, der Eröffnung der Messe, eine Gedenkzeremonie für »Jang de Blannen« statt. Der »Biergerdag« überlebte bis heute, derweil der Bauernsonntag in Vergessenheit geriet. Der Verzehr von traditionellen Flußkrebsen wurde eingestellt, nachdem diese vom Aussterben bedroht waren. An den ehemaligen Viehhandel, wie den jährlich abgehaltenen Bartholomäusmarkt, später auch Pferdemarkt genannt, und den Schafsmarkt erinnern nur noch die entsprechenden Namensgebungen am Glacisfeld.

Schausteller und ihr Wesen

Ein Teil der Ausstellung ist Exponaten von historischen Karussellen sowie Kirmesspielen vorbehalten, aber auch dem Alltagsleben der Schausteller, den »Forains«, gewidmet. Darunter einige Fotos und Interviews mit Schaustellern, welche oft seit Generationen die »Schueberfouer« beleben.

Die Ausstellung ist allerdings nicht nur ein Fest für die Augen, sondern auch weitere Sinne wie Ohren und Nase werden beansprucht. Gerüche von zahlreichen kulinarischen Fouerspezialitäten, darunter »Fouerfësch«, Bratwurst oder Zuckerwatte können erschnuppert werden. Typische »Fouer«-Geräusche wie der »Fouer«-Platzlärm sind abhörbar und historische Filme über den Jahrmarkt laufen auf der eigens errichteten Leinwand. Und es werden ebenfalls verschiedene interaktive Workshops und Ateliers für Groß und Klein rundum das Thema angeboten.

Vielen Museumsbesuchern ist wohl nicht bekannt, daß unsere »Große Schueberfouer« jenseits des Atlantiks eine kleine Tochter hervorgebracht hat. In der US-amerikanischen Metropole Chicago, in der einige Nachfahren von Luxemburger Einwanderern leben und die sich dort im »Luxemburger Bruderbund« zusammen gefunden haben, wird die Erinnerung an die »Schobermesse« seit über einem Jahrhundert wach gehalten. Mit luxemburgischem Bier und kulinarischen Spezialitäten findet, bei ebenfalls luxemburgischer Volksmusik, alljährlich eine weitere, schon traditionelle und einen Tag währende »Kleine Schobermesse« statt, welche in der Ausstellung bestaunt werden kann.

Darüber hinaus gibt es in der Ausstellung noch zahlreiche weitere Kuriositäten und auch Überraschendes zu entdecken, die einmal mehr veranschaulichen, daß unsere »Schueberfouer« zu unserem vertrauten, auch historischen Kulturgut gehört.

»Fouer« ohne Ende

Für diejenigen, welche ganzjährig etwas »Fouer«-Atmosphäre abseits des Rummels schnuppern wollen, sei ein Besuch im Trierer Spielzeugmuseum empfohlen. Dort dreht das massive und imposante liebevoll restaurierte Märklin-»Fouer-Riesenrad« aus dem Jahre 1955, als luxemburgische Leihgabe, das ganze Jahr über seine Runden, auch wenn es nicht bis in die hauptstädtische »Ons Schueberfouer«-Ausstellung geschafft hat. Es sind nur noch 22 Exemplare davon bekannt, eines befindet sich in Neuseeland. Die meisten sind in Museen weltweit zerstreut und auch ausgestellt. Besonders die faszinierenden flackernden Lichteffekte, welche die mehrfarbigen Glühbirnen beim Drehen des Rades auslösen, erinnern an den nächtlichen Rummel unserer »Fouer« auf dem Glacisplatz.

Die »Schueberfouer« ist in der Tat ein Jahrmarkt wie kein anderer. Eine geheimnisvolle, wie auch ebenso faszinierende entgrenzte Welt von »Brot und Spiele« für das Volk.

Pierre Buchholz

(Quelle und Fotos: infotel/ citymuseum/BNL/LBA/
Fouertëlëfon)
»Ons Schueberfouer«
bis zum 29. März im
Lëtzebuerg City Museum.
Geöffnet:
dienstags bis sonntags,
von 10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 20 Uhr.
Eintritt: 5 Euro,
für Schüler gratis.

Donnerstag 23. Januar 2020