Unser Leitartikel:
Kranke dürfen kein Freiwild sein!

Damit der Profit stimmt, wird den arbeitenden Menschen heutzutage alles nur Erdenkliche abverlangt – zunehmende Flexibilität, maximale Deregulierung der Arbeitszeitorganisation, längere Arbeitszeiten, weniger Pausen, schlechtere Arbeitsbedingungen.

Wer nicht mitzieht, riskiert auf der Strecke zu bleiben. Erwerbstätige, die dem wachsenden Druck, dem innerbetrieblichen Konkurrenzkampf und dem allgegenwärtigen Stress nicht gewachsen sind, haben nämlich immer weniger Chancen, dem »Betriebsinventar« über einen längeren Zeitraum angehören zu können. Erst recht nicht, wenn sie aus Gesundheitsgründen auch noch mehr als andere unangenehm auffallen sollten und deswegen von Patronatsseite rücksichtslos als Störfaktor betrachtet werden, dem es sich lieber heute als morgen zu entledigen gilt. So bitter dies auch klingen mag.

Wer also das Pech haben sollte, aus Gesundheitsgründen der Arbeit öfters fernbleiben zu müssen, riskiert recht schnell vom Patronat als unverlässliche Arbeitskraft betrachtet zu werden. Was dies bedeutet, dürfte einem jeden klar sein. Seine Tage im Betrieb dürften fortan gezählt sein, und sein Name nicht erst bei Restrukturierungen oder sonstigen Abbauplänen ganz oben auf den Abschusslisten zu finden sein.

Eine Entwicklung, die dazu geführt hat, dass Schaffende es sich inzwischen immer häufiger mindestens dreimal überlegen, bevor sie sich, trotz Unwohlsein, krankschreiben lassen. Zu groß ist nämlich die Angst, unangenehm aufzufallen, zu groß das Risiko, als »untauglich« betrachtet und gefeuert zu werden.

Verschweigen tut das Patronat allerdings, dass viele Erkrankungen »hausgemacht« sind. Chronischer Personalmangel, zunehmende Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitszeitzeitregelung, längere Arbeitszeiten sowie die ständig schlechter werdenden Arbeitsbedingungen sind nämlich bei vielen Beschäftigten immer häufiger der Auslöser von gesundheitlichen Problemen. Wissenschaftliche Studien, die dies belegen, landen allerdings immer wieder in der Schublade.

Aufgrund der anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen hat der Druck auf die Schaffenden in den letzten Jahren massiv zugenommen. Viele sind diesem nicht gewachsen, sowohl physisch wie auch psychisch. Mit der Folge, dass neurologische Erkrankungen in den letzten Jahren massiv zugenommen haben.

Nicht selten führt Weg dieser Menschen, entweder direkt oder über Umwege, in die Arbeitslosigkeit. Die einen als Opfer eines nach wie vor inakzeptablen Invaliditätsgesetzes, anderen wird der Fußtritt, der sie ins soziale Abseits katapultiert, von gefühlslosen und rücksichtslosen Betriebsverantwortlichen versetzt.

Ein derartiger Umgang mit Schaffenden, die zum Freiwild werden, nur weil sie gesundheitlich nicht mehr fit sind und deshalb nicht mehr jederzeit und allerorts eingesetzt werden können, ist skandalös, und darf so nicht weiter hingenommen werden. Überraschen sollte dies allerdings nicht, denn schließlich zählt im Kapitalismus nicht vordergründig der Mensch, sondern der Profit.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 4. Februar 2020