Klima der Unsicherheit

»World Climate and Security Report 2020« sieht den globalen Temperaturanstieg als »strategisches Sicherheitsproblem« – und damit als Militärsache

Noch bevor er heute auf der Münchner Sicherheitskonferenz präsentiert werden soll, stellte der erst im vergangenen Jahr unter maßgeblicher Beteiligung des Pentagon eingerichtete »International Military Council on Climate and Security« (Internationaler Militärrat zu Klima und Sicherheit, IMCCS) seinen »World Climate and Security Report 2020« gestern in Luxemburg vor. Dazu hatte Armeeminister François Bausch ins Mobilitätsministerium auf dem Kirchberg geladen. Der vom Präsidenten des IMCCS Tom Middendorp, einem in den Ruhestand versetzten niederländischen Generalleutnant, der von 2012 bis 2017 Befehlshaber der Streitkräfte seines Landes war, vorgestellte Bericht trägt den Titel »Climate Change: A Threat Multiplier« (Klimawandel: Ein Bedrohungsverstärker«.

Die von General a.D. Middendorp und dem IMCCS ausgemachten Bedrohungen »unserer« Sicherheit, die vom Klimawandel multipliziert würden, reichen vom auch Marinebasen wie Norfolk im USA-Bundesstaat Virginia bedrohenden Anstieg des Meeresspiegels, über »das Risiko von Millionen Flüchtlingen« (Bausch), die angesichts von Wassermangel und Verwüstung aus der Sahelzone und Nordafrika nach Europa drängen, den schmelzenden Gebirgsgletschern des Himalaja, die in Zentralasien die Trinkwasserversorgung von Hunderten Millionen Menschen gefährden und so die Spannungen zum Beispiel zwischen den Atommächten Indien und Pakistan weiter verschärfen, bis hin zu aus Sicht der Militärstrategen neben Risiken auch »neue Chancen« eröffnenden Klimawandelfolgen wie dem Abschmelzen der Polkappen. Bei der Arktis geht es im Wesentlichen um die künftige Rohstoffausbeutung sowie neue Routen auch für Militärschiffe.

Auffällig ist, daß ausgerechnet in den USA, wo die Trump-Administration eigentlich versucht, das Phänomen grundsätzlich zu verleugnen, das Pentagon und die vielen Think-tanks in seinem Umfeld dafür plädieren, die Folgen des Klimawandels auf die militärstrategischen Planungen stärker zu beachten. Natürlich geschieht das nicht aus Engagement für den Umweltschutz, sondern aufgrund umfangreicher Erfahrungen mit der Realität des Klimawandels, der sich auch negativ auf die Einsatzfähigkeit der US-amerikanischen Militärmaschinerie und ihrer rund 800 Militärbasen in aller Welt auswirkt, während gleichzeitig ein erhöhter Bedarf nach »militärischem Krisenmanagement« diagnostiziert wird, der einen massiven Ausbau der militärischen Transportkapazitäten erforderlich mache.

Die Sahelzone, also den Übergangsbereich zwischen der Wüste Sahara im Norden Afrikas und der Feuchtsavanne im Süden, hat der IMCCS als Frühindikator für »strategische Sicherheitsprobleme« ausgemacht. Hier würden die bereits spürbaren Auswirkungen des globalen Klimawandels (Hitze, Verringerung der Niederschläge) die Ressourcenprobleme weiter verschärfen. So gingen landwirtschaftlich nutzbare Böden und damit der traditionelle Lebensraum der Menschen in einem erheblichen Ausmaß verloren. Da es der großen Masse der Landbevölkerung nicht gelingt, die Folgen des Klimawandels durch entsprechende Maßnahmen auszugleichen, sähen viele Verzweifelte ihr Heil in der Flucht nach Europa oder sie schlössen sich »extremistischen Gruppen« an, warnte General a.D. Middendorp. Während die Folgen des Klimawandels also vor allem die Bewohner der ärmsten Weltgegenden am härtesten treffen, werden diese für die westlichen Militärstrategen offenbar erst dann zu einem Problem, wenn deren »Sicherheit« – und vor allem deren Kapitalinteressen – gefährdet werden.

oe

IMCCS-Präsident Tom Middendorp (M.) während der Präsentation. Links: Steve Brock, ein ehemaliger Captain der U.S. Navy, heute »Chief of Staff« des IMCCS, rechts im Bild: Armeeminister François Bausch (Foto: ZLV)

Freitag 14. Februar 2020